Ach Marburg…

Die Uni hat wieder angefangen in Marburg und die Stadt ist endlich wieder voller Menschen, die von einem Seminar ins andere hetzen, sich in der Mensa niederlassen oder vollgepackt mit Büchern die Universitätsbibliothek verlassen. Marburg ist also endlich kein hessisches Dorf mehr, sondern eine lebendige Studentenstadt, deren Herzschrittmacher in den Semesterferien außer Betrieb zu sein schien.

Auch ich bin wieder hier und sitze in der Universitätsbibliothek und schreibe ein paar Zeilen für meine Gramsci-Hausarbeit für die Friedens- und Konfliktforschung. Irgendwie habe ich Marburg doch vermisst. Auch wenn ich es mir nicht eingestehen möchte, so habe ich diese Stadt in meinem Erasmussemester vermisst. Diese Idylle, diesen studentischen aber doch familiären Charme, die mittelalterliche Prägung der Oberstadt und dieses Bier, das mir am Anfang meines Studiums so gut geschmeckt hat, wie Haferschleim. Ich mag diese Stadt noch immer nicht so wirklich leiden aber doch habe ich meinen Frieden mit ihr gemacht.

Diese Stadt ist halt einfach nun mal eine Stadt, in der man eine bestimmte Zeit in seinem Leben studiert und sich auch nur aus diesem Grund dort aufhält. Dann geht man wieder und man wird Marburg immer in seiner Erinnerung als die Stadt behalten, in der man wohl so frei wie nirgendwo anders gewesen ist. Denn wann wird man wohl nochmal morgens um 5 bei Günther im Bolschoi sitzen und schlechtes Kellerbier trinken, nach dem man durchgeschwitzt aus dem Trauma gestolpert ist? Wann wird nochmal Nächte lang im Havanna8 sitzen und über die Welt und das Leben philosophieren und das alles ohne wirkliche Konsequenzen durchstehen.

Marburg, dass ist keine Stadt zum alt werden, auch wenn die ganzen Touristen und neuerdings auch die ganzen hippen Städteplaner das denken. Diese Stadt lebt davon, dass sie ewig jung bleibt, dass trotz ihrer Lage in der hessischen Provinz, am Puls der Zeit bleibt, allein durch die vielen tausenden Studierenden aus aller Welt. Ohne die Studierenden ist Marburg halt ein kleines hessisches Dorf, wie man es in den Semesterferien beobachten kann.

Partei der Bewegung

Da morgen die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich anläuft, poste ich hier meinen ersten, auch außerhalb dieses Blogs veröffentlichten Artikel. Er wird demnächst im Debattenheft der Strömung Sozialistischen Linke in der Partei DIE LINKE erscheinen und ist jetzt auch schon auf der Internetseite zu finden. Über Feedback oder generelle Kommentare würde ich mich sehr freuen, denn es ist immerhin mein erster Artikel.

—————————————–

Partei der Bewegung

Die Front de gauche im französischen Präsidentschaftswahlkampf

„Marseille ist die französischste Stadt unserer Republik“! Mit diesem Satz begann der französische Präsidentschaftskandidat der Front de gauche, Jean-Luc Mélenchon, seine Rede vor mehr als 120 000 AnhängernInnen am Strand von Marseille. Marseille, das ist in der öffentlichen Diskussion in Frankreich eher die Stadt, die mit einer hohen MigrantInnenanteil, Kriminalität und Armut in Verbindung gebracht wird und für die politische Rechte das Musterbeispiel einer „verfehlte Integrationspolitik“ ist. Dem Selbstbild Frankreichs entspricht Marseille nicht und dennoch sagt dieser Satz sehr viel über Frankreich und den Präsidentschaftskandidaten des linken Wählerbündnises Front de gauche aus. Denn während die französische Öffentlichkeit über die französische Identität sowie über Halalfleisch debattiert und der französische Präsident Nicolas Sarkozy erklärt, dass es „zu viele Ausländer in unserem Land“ gibt, nimmt Jean-Luc Mélenchon, der selbst in Marokko geboren ist, seinen Auftritt in Marseilles zum Anlass, um daran zu erinnern, das Einwanderung eine Chance und keine Bedrohung für Frankreich darstellt. Frankreich gehöre allen, die in diesem Land leben und dies schon seit 2600 Jahren betonte der Kandidat der Front de gauche, mit Blick auf den Gründungsmythos der Stadt Marseille.

Continue reading

Das zuckende Bein

Es begegnet mich in der letzten Zeit ständig und überall. Ob in der U-Bahn, im Intercity Express, im Seminar, in Sitzungen oder Besprechungen. Nie kann ich mich wirklich dagegen wehren, denn es zieht meinen Blick auf sich und lässt ihn nicht mehr los. Es macht mich nervös, stört mich und lenkt mich ab. In einer Frequenz von 100 Zuckungen pro Minute wippt es vor meinen Augen hoch und runter, mal schneller mal langsamer aber dennoch immer gleich: Das zuckende Bein. Manchmal auch beide Beine gleichzeitig oder im Wechsel.

Es ist wie eine Krankheit, eine Störung die diese Menschen heimgesucht haben. Was früher der drehende Daumen ist, ist heute das zuckende Bein. Es vermehrt sich und wird immer mehr, es pflanzt sich fort und so langsam erscheint es mir, als wäre eine Epidemie im Umlauf. Diese, von diesem Virus befallen Menschen, bekommen meist gar nicht mit, dass ihr Bein wippt, es passiert ganz von alleine. Das befallene Bein zuckt und wippt, während der Mensch meistens auf sein Mobiltelefon, in sein Buch oder seinen Laptop starrt. Es ist als müsse dadurch eine Energie entladen werden, die sonst in Aggressionen oder anderen schrecklichen Taten herausgelassen würde.

Vielleicht sind diese Menschen aber auch einfach nur nervös und überlastet und können sich nicht mehr konzentrieren auf eine Sache. Vielleicht sind es Anzeichen des sogenannten Zappel-Philipp-Syndroms, dass durch die ständige Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln und den immer höherer werdenden Druck in Schulen, Universitäten und Berufen eine immer stärkere Verbreitung findet. Vielleicht ist das zuckende Bein auch das erste Anzeichen einer nervösen und erschöpften Gesellschaft, die langsam verrückt wird, durch die ständig Angst in dieser Leistungsgesellschaft zurückzufallen und nicht mithalten zu können, ihren Lebensstandard zu verlieren.

Auf jedenfall aber nervt es mich tierisch und stört meine Konzentration!!!

Mélenchon gewinnt

Wie ihr schon mitbekomemn habt, habe ich mal wieder nicht soviel Zeit zum bloggen gefunden ich bin auch gespannt wann ich die Zeit mal wieder bekomme. Ich hoffe auf das Osterwochenende. Was ich euch aber nicht vorenthalten möchte sind die derzeitigen Umfragezahlen für den Kanidaten der front gauche im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Der “rote Volkstribun”, wie ihn Spiegel Online erst letztens bezeichnete hat in den Umfragen deutlich aufgeholt und liegt derzeit mit 14% nur ganz knapp hinter der rechtsradikalen Kandidatin der Front National Marine Le Pen. Die Zahlen, die das Umfrageinstitut “harris interactive” herausgegeben hat, habeich euch nochmal in Diagramme gepackt.

Und hier die Tabelle dazu:

Bewerber Januar Februar März (1) März (2) März  (3) April
Sarkozy 23,00% 24,00% 25,00% 27,00% 28,00% 29,00%
Hollande 27,00% 28,00% 27,00% 27,00% 27,00% 26,00%
Le Pen 20,00% 20,00% 18,00% 16,00% 16,00% 16,00%
Mélenchon 8,00% 8,00% 9,00% 11,00% 13,00% 14,00%
Bayrou 14,00% 13,00% 13,00% 12,00% 11,00% 10,00%
Joly 4,00% 4,00% 3,00% 3,00% 3,00% 3,00%
Dupont-Aigan 1,00% 1,00% 1,00% 1,00% 1,00% 1,00%

Ich bin gespannt wieviel Melenchon am Ende, am 22.April haben wird. Wahrscheinlich wird es wohl nicht für einen Platz in der Stichwahl reichen, schon allein weil Sarkozy und Hollande das unter sich ausmachen und Marine Le Pen dafür einfach noch zu stark und zu tief verwurzelt ist. Dies hat die Front Gauche in den letzten Jahren einfach verpasst und das Feld der Front National überlassen. Aber vielleicht können wir doch gespannt sein, denn aus Tradition wissen wir, dass die Umfragewerte in Frankreich nicht immer der Wahrheit entsprechen, so wie damals bei Chirac und Le Pen.

 

Büchermesse Leipzig 2012

Mhm, schon die zweite Messe innerhalb von zwei Wochen, über die ich hier berichte. Vielleicht ist das doch ein wenig zu viel des Guten, gerade wenn dabei die ganzen politisch relevanten Themen hinten runterfallen. Schlecker, Gauck und der Terror in Frankreich wären auch lohnende Themen. Außerdem stapelt sich bei mir auch schon der ein oder andere Kinofilm, den ich gerne kritisieren würde. Nun ja, vielleicht zeigt das aber auch, dass die Messesaison begonnen hat und jetzt eine Messe nach der anderen ihre Pforten öffnet. Für mich war es dieses Jahr aber wohl die Letzte, wenn nicht noch im Oktober die Büchermesse in Frankfurt hinzukommt.

Die Messe in Leipzig ist an sich, von ihrer Konzeption her, schon allein als eine Besuchermesse angelegt, richtet sich vor allem an die Leser und weniger an die Fachbesucher. Diese Ausrichtung hat die Messe auf der einen Seite sympathisch gemacht, weil nicht allzu viel hinter den Kulissen gespielt wurde, als beispielsweise bei der CeBit. Dennoch ziehen solche Messen aber auch meistens ein sehr breites Spektrum an Leser_Innen an, was oftmals dazu führte, dass es Show bzw. eine Verkaufsveranstaltung war, als eine Messe.

Gleichzeitig muss man konstatieren, dass diese Messe sehr deutlich die Krise im Buchmarkt wiedergespiegelt hat. Die Stände waren klein und kompakt und oftmals dem Ansturm der Besucher gar nicht gewachsen. Selbst die großen Verlage wie Suhrkamp und Fischer hatten, für ihre Größe, kleine Stände und präsentierten auch nur eine sehr kleine Auswahl ihrer Neuerscheinungen. Zu Gute halten muss man jedoch, dass es an fast jedem Stand Lesungen gab und man so sehr offen an die Autoren herankam und mit ihnen reden konnte, auch wenn dann die Stände so überfüllt waren, dass man sich weder bewegen noch wirklich wohl fühlen konnte. Sehr gut und geräumig waren dagegen die Bühnen der Messe Leipzig, wo unter dem Motto “Leipzig liest”, den ganzen Messetag Lesungen und Diskussionen veranstaltet wurden und wo auch der ein oder andere berühmte Autor aus seinen Büchern vorlas.

Für mich war die Halle 5 ein absolutes Highlight, weil in dieser die linken Buch- und Zeitschriftenverlage sich sammelten und man sehr gut mit den Verleger_Innen und Autor_Innen ins Gespräch kam. So sprach ich mit der Verlegerin des VSA-Verlages über die aktuellen Neuerscheinungen und über das Marx-Buch von David Harvey. Auch andere Verlage wie der Unrast, der Schmetterlings-Verlag, der Nautilus-Verlag und und und waren auf der Messe vertreten. Sehr clever von den linken Verlagen war, dass sie sich unter dem Motto “rote Bühne” zusammenschlossen und auch jeden Tag gemeinsame Veranstaltungen und Lesungen im aber auch außerhalb des Messegeländes anboten. Da es einen 30%igen Messerabatt gab, habe ich mich auch mit neuen Büchern eingedeckt. Diese sind natürlich auch meine Buchtipps. Einmal das Buch “Gramsci Global – Neogramscianische Perspektiven in der Internationalen Politischen Ökonomie ” von Benjamin Opratko und Oliver Prausmüller, das, wie der Name schon sagt, eine neogramscianische, also kritische Perspektive auf die aktuelle IPÖ wirft. Außerdem ist in meinem Bücherregal noch zwei Theorie.org Bände gelandet, nämlich “Internationalismus” und “kritische Theorie”, sowie, und das ist jetzt mein absoluter Tipp, das neue Buch von David Harvey über das Kapital von Karl Marx (Marx »Kapital« lesen: Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger). Das Buch, so die Verlegerin des VSA-Verlags, eignet sich vor allem für Menschen, die das Kapital schon ein oder zwei Mal gelesen haben, das es auch auf wichtige Fußnoten hinweist und bestimmte Stellen besonders erklärt. Ich bin auf jedenfalls gespannt.

Letztendlich kann man wohl als Fazit ziehen, dass sich der Buchmarkt in einem riesen Wandel befindet. Gerade die Belletristik, das ja oft die größte Einnahmequelle der Verlage darstellt, bricht ein und gleichzeitig findet ein Wandel hin zum elektronischen Buch. Kindle und Ipad haben den Buchmarkt wohl umgekrempelt bzw. krempeln ihn gerade um. Auch wenn ich es nicht gutheiße aber wahrscheinlich wird es bald wohl mehr digital als echte Bücher geben. Ansonsten nehme ich eine ganze Menge guter Bücher mit, die ich mir wohl noch irgendwie besorgen muss und eine Menge guter Gespräche. Ob ich nächstes Jahr wieder in Leipzig bin weiß ich noch nicht. Vielleicht…

Die Cebit 2012

Nach einem Jahr Pause, war ich dieses Jahr nun zum 14. Mal auf der weltweit größten Computermesse in Hannover. Cebit, das bedeutete früher für immer mich immer eine Art Abenteuer und einen Einblick (oder Ausblick?) in die Zukunft. Der jährliche Besuch auf der Cebit war für mich etwas Besonderes, wo ich schauen konnte was es irgendwann bald geben wird und was theoretisch möglich ist aber noch in sehr ferner Zukunft liegt.

Diesmal war es für mich irgendwie nüchterner. Nicht das ich nicht wieder dieses Kribbeln im Magen gespürrt hätte als ich mein e-ticket vorgezeigt habe und die heiligen Hallen betrat. Nein, es war vielmehr das Gefühl, dass ich ein Fremdkörper

Ein Roboter beim tanzen auf der diesjährigen Cebit - Quelle: Andi Möller http://www.flickr.com/photos/andimoe/6964946201/

geworden bin, in dieser Welt des ITs. Ich konnte mich noch mit den Mitarbeiter_Innen unterhalten und ja ich verstand auch eigentlich alles aber irgendwas sagte mir, dass ich nicht mehr hier hin gehörte, dass ich mich mit meinem Studienbeginn entschiedenen hatte nicht Weg in die IT einzuschlagen, sondern Politikwissenschaften zu machen.

Nun ja, abgesehen von diesem doofen Gefühl was ich hatte, war es diesmal doch eine nette CeBit. Nicht zu showlastig (abgesehen von Halle 23 und 22) aber auch nicht zu businessmäßig, alles relativ nüchtern und entspannt. Meine Highlights auf der diesjährigen CeBit waren:

1. Der Roboter vom KIT der Uni Karlsruhe: In Halle 9 waren diesmal die Universitäten und Forschungseinrichtungen, die einen Blick in die Zukunft zuließen. Neben der drahtlosen Bremse gab es auch einen Roboter des Karlsruher Institut of Technology (KIT) der mich stark beeindruckte. Dieser Roboter erkannte Sprachbefehle und reagierte darauf. Wenn der Wissenschaftler diesen ansprach und sagte, dass er ihm die Müslipackung reichen soll, dann tat er dies. Gleichzeitig konnte der Roboter angelehrnt werden und konnte sich unbekannte Objekte merken und danach abrufen. Es war wirklich ein wenig gruselig, als er nach das Buch schon im Speicher hatte und es dann zwischen anderen Büchern wiedererkannte. Ich war stark beeindruckt, auch wenn es mich doch stark erschreckte und ich mir über die sozialen Folgen einer Serienproduktion dieser Roboter Gedanken gemacht habe.

2. Der Laptop von Angela Merkel: Nein, es war nicht DER echte Laptop von Angela Merkel, der dort auf der CeBit vorgestellt wurde, sondern nur ein anderer Hochsicherheitslaptop, der aber so auch in den Bundesbehörden und von den Mitgliedern der Bundesregierung wie auch von der Bundeskanzlerin benutzt wird. Auf dem Stand des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik konnte man sich von wirklich kompetenten Mitarbeitern erklären lassen wie ein solcher Laptop funktioniert ohne Spuren zu hinterlassen. Das BSI ist daber wirklich geschickt, denn der Laptop kann nur gestartet werden, wenn er mit einem externen USB-Stick entschlüsselt wird. Gleichzeitig ist ein Passwort nötig um die Entschlüsselungsfunkion im Stick selbst zu entschlüsseln. Gleichzeitig arbeitet im Rechner nochmal ein Hardware-Encrypter, der die Festplatte ständig neu verschlüsselt. Dabei werden die Daten gar nicht auf der Festplatte gespeichert, sondern auf einem externen Server der Bundesregierung. Der Datenflussdahin ist durch drei VPN-Tunnel gesichert, wobei immer andere Tunnels genutzt werden. Eigentlich ist nämlich gar kein Betriebssystem auf dem Rechner, sondern wird über eine RPT-Verbindung erst auf den Rechner gespielt bzw. anders formuliert, ruft Angela Merkel mit ihrem Rechner das Betriebssystem vom Server über eine sichere RPT Verbindung ab. So hinterlässt sie keine Spuren und ihre Daten sind vor anderen sicher, selbst wenn sie ihren Laptop einmal verliert.

3. Telefone mit Bildschirm: Ich dachte ja erst, sowas ist dank Skype nicht mehr zu erwarten und zu alt aber nein, ich wurde eines besseren belehrt. Telefone mit Bildschirm und Kamera sind voll im Trend und man sah sie echt sehr viel auf der diesjährigen CeBit. Viele IP-Telefone hatten sogar eine Skype Unterstützung, so dass man selbst jemanden mit seinem Rechner auf dem Telefon hat anrufen können. Ich fand es echt interessant und bin gespannt, wann diese Telefone auch bei uns zu finden sind.

Ja, das war die CeBit im diesem Jahr und man kann konstantieren, dass sie nicht ganz so schlimm war, wie manche SPIEGEL Redakteure die CeBit fanden. Ja, sie war mehr businessmäßig als noch vor vier oder fünf Jahren und wahrscheinlich auch mehr als 2010 aber das machte sie nicht unbedingt schlechter. In Halle 9 waren die Erfindungen und in den anderen Hallen halt anderes interessantes Zeug. Und auch wenn viele interessante und namenhafte Unternehmen gefehlt haben, so hat mir die diesjährige CeBIT doch Spaß gemacht. Nächstes Jahr, bin ich wohl wieder da.

Buchtipp: “Der Implex”

Der Freitag beschreibt dieses Buch als kommende “Pflichtlektüre der Kapitalismuskritik”, während er von vom Deutschlandradio (“Krude Anmaßung”, taz (“Hochstaplerisches Imponiergehabe”) und anderen Medien zerrissen wird. Das neue Buch von Dietmar Dath, der Implex, bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit in den Kulturressorts und Feuilletons dieses Landes und verspricht durch seine Konzentration auf den “Implex” eine neue Interpretation des “Transformationsprozesses”.

Der Implex

Der Implex

Dieses Buch behauptet, dass jede Zeit, jede Handlung, jeder Gedanke tatsächlich mehr Möglichkeiten der Selbstverbesserung enthält, als man auf den ersten Blick sieht. Den inneren Zusammenhang dieser verborgenen Freiheitsgrade nennt das Buch “Implex”. Das Wort bezeichnet ein Modell, mit dem man erklären kann, wie Fortschritt in den Mühen tatsächlicher Menschen verwirklicht wird. Es macht verständlich, warum nur Epochen, die sich bestimmte Irrtümer erlauben, auch bestimmte Wahrheiten finden können, und es zeigt, dass die Aufklärung der Gegenwart Werkzeuge der Emanzipation vererbt hat, von denen sie selbst gar nichts wusste.

Ich bin gespannt ob der “Implex” dieses Versprechen einhalten kann. Auch wenn sich dieser 900 Seiten Wälzer als leichte Reiselektüre in keinem Fall eignet, bin ich gespannt.

Ich bin der Präsident

Da hat mir Jan vom Zementblog aber eine Vorlage gegeben! Präsident lautet das  Stichwort von Projekt 42 diesmal und eigentlich habe ich meinen Artikel zu Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck schon geschrieben und somit das Thema aus deutscher Sicht eigentlich schon abgearbeitet. Denn Deutschland hat, aus politisch-institutioneller Sicht nur eine Präsidenten und zwar einen Bundespräsidenten. Was also schreiben, wenn das Bundespräsidentendrama der letzten Tage nicht mehr zu Verfügung steht? Wie wäre es mit einer Kritik am Bundespräsidentenamt überhaupt?

“Ich bin der Präsident und ich flieg in meinem Heli!” Diesen Satz singt Reinhold Grebe in seinem satirischen Lied “Der Präsident” über den damals amtierenden Horst Köhler und seine Kompetenzen in der deutschen Politik. Der deutsche Präsident war, mit Ausnahme von Christian Wulff, immer ein beliebter Politiker in Deutschland, dessen offizielle Aufgabe es ist Deutschland zu repräsentieren und manchmal die Politik der herrschenden politischen Klasse abzunicken, indem er ab und zu seine Unterschrift unter bestimmte Gesetze setzt. An sich also ein nicht unbedingt spannender Job, so dass er sich in den letzten Jahren eher als Belohnungsamt für abgehalfterte und verdiente Berufspolitiker gedient hat. Meistens hatten alle Bundespräsidenten irgendetwas auf dem Kerbholz aber das wurde, war derjenige erst einmal im Amt, ganz schnell wieder vergessen und er galt als einmalig und wunderbar. Nur Christian Wulff ist hier wieder einmal die Ausnahme.

Eigentlich habe ich mich schon immer gefragt, warum wir einen Bundespräsidenten überhaupt brauchen? Eigentlich sollte er ja parteipolitisch neutral sein, jedoch war er bisher immer Mitglied einer Partei und hat deren Politik meistens unterstützt oder sogar aktiv verfolgt. Er ist niemand der eine wirkliche Richtungskompetenz hat, wie etwa die Kanzlerin, die jedoch direkt vom deutschen Parlament gewählt wird und somit eine deutlich höhere demokratische Legitimierung hat als etwa ein Bundespräsident, der nur durch die Wahl einer Bundesversammlung gewählt wird und sich vor niemanden zu rechtfertigen hat. Warum haben wir also einen Bundespräsidenten, wenn er Geld kostet, keine politischen Kompetenzen besitzt sowie kaum eine demokratische Legitimierung? Und wenn man sich die Politik derjenigen anguckt, die das vor Wulff gemacht haben, dann ist es mit einer Präsentation Deutschlands auch nicht gut bestellt („Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ – Heinrich Lübke).

Schlussendlich gibt es keinen guten Grund das Amt des Bundespräsidenten weiter aufrecht zu erhalten und wahrscheinlich haben diejenigen Recht, die das Amt mit Verweis auf die Königshäuser anderer Nationen begründen. Denn genauso wie die Royals aus England, Holland, Spanien usw. usf. ist auch der Bundespräsident ein Relikt aus alten Zeiten, wo es in Deutschland noch einen Kaiser gab. Ganz frei nach dem Spruch von Wilhelm II: “Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!” soll auch der Präsident eine nationale Einigungsperson für die obrigkeitsliebenden Deutschen darstellen, die die Bevölkerung fern jeglicher Klassenwidersprüche einigen soll und ggf. als monolithischer Block gegen den “Anderen” in Stellung zu bringen. Nicht umsonst war die Aufregung um Christian Wulff groß, weil er dem gemeinen Staatsbürger in vieler Hinsicht zu ähnlich war, als das er mit “deutschen Idealen” von Ehrlichkeit und Fleiß eine Einigungsfigur hätte darstellen können.

Wulff war, durch den Skandal um seine Figur, zu “normal”, als das er sich als Repräsentant der “deutschen Kultur” geeignet hätte. Der Rubikon war einfach überschritten…

Ausgeburnt – Studieren im Neoliberalismus

Alles muss effizienter und schneller werden. Studieren, sich auf ein Thema einlassen oder vielleicht sogar zusätzliche Literatur lesen? Alles Schnee von gestern! Heute zählt es schnell oberflächliche Texte zu schreiben, für 4 Klausuren in drei Tagen zu büffeln um dann mit 21 Jahren als “Hochschulabsolventin” mit einem Bachelorabschluss dem Arbeitsmarkt zu Verfügung zu stehen. Studieren ist nach den Bologna-Reformen kein Studium eines Faches mehr, sonder mehr oder weniger eine Überblicksveranstaltung, wo man so viel wie möglich in kürzester Zeit in seinen Kopf knallen sollte, um es dann zu Klausur wieder zu vergessen.

Ein System was krank macht!

Nicht das wir das schon wüssten, denn immerhin hat doch eine Studie im letzten Jahr herausgefunden, dass die Unternehmen nicht viel von den Bachelorabschlüssen halten und Absolventen wie Fachhochschüler behandeln. Nein, dieses System macht durch seine ständige Vergleichbarkeit und dem Wissen, dass jede Note für den Abschluss gezählt wird, die Studierenden krank. Durch den ständigen und das ganze Semester anhaltenden Leistungsdruck und der ständig aufrecht erhaltenden Konkurrenzsituation um die weiterführenden Masterplätze sind immer mehr Studierende ausgebrannt und kaputt, obwohl das eigentliche Arbeitsleben noch nicht einmal angefangen hat.

Durch diesen Erfolgsdruck und die immer wiederkehrende Frustration über die eigenen Leistungen und der fehlenden Zeit, greifen aber immer mehr Studierende zu sogenannten Leistungsdrogen wie Ritalin oder Antidepressiver um nicht durch den Erwartungs-, Leistungs-, und Erfolgsdruck unterzugehen. Um Nächte durcharbeiten zu können und keine Müdigkeit zu spüren, werden reihenweise Koffeintabletten genommen. Auch Koffeinpulver, was derzeit verstärkt in Berlin in kleinen Tütchen verkauft wird, liegt bei Studierenden derzeit voll im Trend.

Hegemonie des neoliberalen Projekts

Wachmacher, Leistungsdrogen und Burnout – der Neoliberalismus scheint in den Universitäten nun endlich angekommen zu sein, nachdem sich diese hartnäckig gegen wehrten. In manchen Universitäten scheint es dabei deutlich schlimmer getroffen zu haben, als andere. Ich selbst kenne aus Marburg auch den Leistungsdruck, eine Hausarbeit nach der anderen zu schreiben und immer Topleistungen zu absolvieren. Jedoch hat mein Fachbereich versucht die Härte des Bachelor-/Mastersystems in der Form abzuschwächen, dass man nicht gleich von der Universität fliegt, wenn man Prüfungen nicht besteht. Auch die Einführung einer Reading-Week hat dazu geführt, dass gelernte zu reflektieren und ggf. vertiefen zu können. Ich weiß aber auch von Fachbereichen und Universitäten, in denen es ganz anders zu geht, in denen der Leistungsdruck enorm ist und der Konkurrenzkampf zwischen den Studierenden von Dozent_Innen und Professor_Innen noch zusätzlich angeheizt wird.

Nein, das kann und sollte nicht unser Ideal von Bildung und Leben sein. Ich sehe die Gefahr, dass wir Zombies ausbilden, die neben ihrer persönlichen Karriere kaum mehr etwas Menschliches an sich haben. Die anderen, die da nicht mithalten können, brechen unter dem Druck zusammen und landen als labile und gestörten Gestalten irgendwo an den Rand dieser Gesellschaft. Wir sollten achtsam sein.

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“ – Antonio Gramsci

Der Pastor der Freiheit

Nach dem Schnäppchenjäger nun der Freiheitsprediger. Nachdem man Christian Wulff erst die Staatsanwaltschaft ins Schloss Bellevue schicken musste, damit dieser dieses endlich verlies, kommt nun der Bundespräsident der Herzen von 2010. Was haben wir nicht alles über gelesen und gehört: Der Freiheitskämpfer, der Friedensfirst, der Befreier, Volkes Stimme oder der Mann mit der eigenen Meinung sind nur einige Bezeichnungen, den die Presse für unseren neuen Bundespräsidenten gefunden hat. Und diesen Argumenten konnte sich wohl auch Angela Merkel nicht entziehen, jedenfalls hat sie nach ihrer anfänglichen Ablehnung gegenüber Joachim Gauck am Ende dem Druck der Spartenpartei FDP, sowie von SPD und B90/Grünen nachgegeben. Wahrscheinlich hatte sie Angst nach dem Desaster mit Christoph Wulff schon wieder eine Niete, diesmal aber gegen den Widerstand der FDP, zu ziehen und die nächste Koalitionskrise zu provozieren. Lieber hat sie sich an den griechischen Verhältnissen orientiert und eine Koalition der “nationalen Einheit” mit Ausschluss der dolchstoßenden Linken, gebildet, allein auch schon aus dem Grund, dass wenn Gauck scheitert, nicht sie zu Verantwortung gezogen wird.

Nun also der Freiheitskämpfer und ehemalige Leiter der Behörde zu Aufarbeitung der Stasiverbrechen Joachim Gauck. Doch was haben wir jetzt von diesem Präsidenten zu erwarten? Mhm, ich denke, dass er schlimmer als Wulff wahrscheinlich nicht werden wird, einfach schon aus dem Grund, dass Gauck wenigstens Profil hat, was Wulff allerdings schon als Ministerpräsidenten von Niedersachsen gefehlt hat. Aber Wulff kann auch nicht der Maßstab sein, denn wie wir in den letzten Wochen gelesen haben, war Wulff nicht geeignet für das Amt des Bundespräsidenten. Aber ist es Gauck?

Die Frage ist doch, was macht einen “guten” Bundespräsidenten überhaupt aus bzw. was braucht es um ein “guter” Bundespräsident zu sein? Viele Menschen meinten, dass der Bundespräsident aufgrund seiner repräsentierenden Funktion, ein Vorbild und glaubwürdig sein sollte. Dies war bei Wulff offensichtlich nicht der Fall, was sich jetzt aber, glaubt man den Zeitschriften, ändern wird. Er sei natürlich ein Vorbild, weil er sich gegen die “Diktatur des SED-Regimes” aufgelehnt hat und jahrelang die Verbrechen der Stasi aufgearbeitet hat. Gleichzeitig ist er somit eine wichtige Stimme gegen “Extremismus” und für Demokratie und schon allein aufgrund seines nicht-parteipolitischen Images glaubwürdig.

Das diese Aussagen so aber nicht ganz richtig sind, wird leider oftmals von der Presse verschwiegen. Denn die “Revolutionsgeschichte” um Joachim Gauck ist umstrittener als manch einer glauben mag. So war es nämlich nicht Gauck, der 1989 als erstes auf die Straße gegangen ist, um für mehr Freiheit und eine Reformation der DDR zu protestieren, sondern andere. Gauck war zu diesem Zeitpunkt noch unter dem sicheren Dach der Kirche. Erst als es mehr zu gewinnen galt als zu verlieren sah man ihn plötzlich. Gauck war nicht derjenige, der sich in die erste Reihe stellte oder sich von VoPos (Volkspolizisten) verhauen lies. Er war es nicht der die DDR zu Fall gebracht hatte, aber er war derjenige, der davon profitiert hat.

Nach dem Fall der Mauer wurde Gauck auf einem Listenplatz des Neuen Forums in die letzte Volkskammer der DDR gewählt und wurde dann im Laufe der Wendejahre zum Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Dort machte er sich einen Namen damit, dass er die Behörde als “politische Waffe” (Wolfgang Wippermann) gegen jegliche sozialistische oder kommunistische Gruppierung ausbaute. Denn sein Kampf gegen die Stasi und alles linke in dieser Welt ist nämlich kompatibel mit seiner Definition von “Freiheit”, mit der er nun quer durch die Republik tingelt. Sein Freiheitsbild, was er wahrscheinlich von den Chicago Boys abgeschaut hat, ist nämlich durch keine sozialen Sicherungen unterfüttert. Jede Kapitalismuskritik, jeder Ruf nach staatlichen Hilfen ist für ihn eine Rückkehr in die Zeiten der DDR und somit völlig fremd und verhasst. So ist es auch kein Wunder, dass er die Occupy-Bewegung für “vollkommen lächerlich” und die Beobachtung der LINKEN durch den Verfassungsschutz als Gerechtfertigt ansieht. Denn sein Bild von Demokratie ist ein starres und eingefahrenes Bild.

Gauck ist kein Gutmensch und kein Freiheitskämpfer! Vielleicht beschreibt man ihn mit den Worten “Trittbrettfahrer” oder “Karrierist” viel besser. Er ist ein Mensch von gestern und mit den Idealen und Vorstellungen von einem guten Leben nicht vereinbar. Er hatte ganz Recht, als er meinte, dass es ein Armutszeugnis für diese Institution sei, wenn sie auf ihn zurückgreifen würde. Dennoch scheint er dort angekommen zu sein, wo er immer hin wollte: Ins Zentrum der Macht!