Zitat des Tages

“Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, mit dem Stalinismus abzurechnen. Unsere politische und theoretische Tradition ist nicht von einem Individuum namens Stalin oder einer historischen Periode, in der er herrschte, deformiert worden, sodass es genügte, das Erbe in seiner früheren ›Reinheit‹ wieder aufzugreifen. Im Verlauf einer langen Prüfung, als wir Marx, Lenin und Gramsci wiederlasen, um den lebendigen Marxismus zu suchen, den die Formen und Praktiken Stalins erstickt hatten, mussten wir uns wie alle anderen – jeder auf seine Weise – einer Wahrheit beugen: Dass unsere theoretische Tradition nicht ›rein‹ ist, dass der Marxismus entgegen dem voreiligen Ausspruch Lenins kein ›stählerner Block‹ ist, sondern dass er Brüche, Irrtümer, Widersprüche und Lücken enthält, die […] seine Krise hervortreiben mussten. Wir stehen heute vor der Notwenigkeit, eine bestimmte Vorstellung, die wir uns im Laufe der Geschichte und der Kämpfe von Marx, Lenin und Gramsci gebildet haben, sehr sorgfältig zu revidieren – eine Vorstellung, die sich offensichtlich auf die Forderung unserer Parteien nach ideologischer Einheit gründet und von der wir allzu lange gezehrt haben, ja eigentlich immer noch zehren. Diese Autoren haben uns ein beispielloses und wertvolles Ensemble von theoretischen Elementen hinterlassen […]. Sie haben uns das Gerüst einer Theorie über Bedingungen und Formen des Klassenkampfs in der kapitalistischen Gesellschaft vermacht, aber weder eine ›reine‹ noch eine ›vollstädige‹ Theorie.”

Louis Althusser
PS: Danke an Ingo Stützle

Marx _ reloaded

Zwar habe ich mich schon ewig nicht mehr gemeldet, was damit zutun hat, dass ich nebenbei 4 Hausarbeiten a 20 Seiten geschrieben habe und daher keine Kapazität mehr für diesen Blog da war. Dies wird sich aber sicherlich bald ändern. Dafür gibts heute eine Filmempfehlung:

Marx – reloaded am 11.April 2011 auf ARTE – unbedingt anschauen!

Der Nahostkonflikt – Hemmnisse auf dem Weg zum Frieden*

Ich bin sehr froh und stolz, dass Moritz vom Sockenblock einen Gastbeitrag für den Lahnblog geschrieben hat. Dass er gerade ein solch schwieriges und vor allem streitbares Thema ausgewählt hat, finde ich auch sehr interessant. Der Nahostkonflikt ist schon immer ein sehr schweres Thema gewesen, was die Linke in Deutschland sehr kritisch begleitet hat und der schon immer auch Streitpunkt und Grund für Spaltungen war (man schaue sich die AA/BO an). Daher finde ich es sehr gut, dass Moritz diesen Konflikt in diesem Artikel thematisiert. Danke Moritz!

Wenn man in einer deutschen Gesellschaft das Thema Israel anspricht, vertreten die meisten Diskussionsteilnehmer einen von zwei klaren Standpunkten. Entweder, die Palästinenser sind Schuld, versetzen die Israelis in Angst und Schrecken und machen ein normales, geregeltes Leben unmöglich. Oder die Israelis sind Schuld, unterdrücken die Palästinenser, reißen ihre Familien auseinander und machen ihnen das Leben zur Hölle. Und nachdem diese Worte ausgesprochen sind, kommt man schnell zu einer Einigung: Die müssen dort doch einfach nur Frieden schaffen – kurz das Land aufteilen und fertig. Früher habe ich mich zu solchen Diskussionen nicht geäußert, weil ich nicht dumm genug war, von einem Konflikt zu reden, den ich nicht gut genug kannte. Nun, nach meiner dreiwöchigen Reise durch Israel und das Westjordanland, während der ich bei etlichen Gesprächen – sowohl unter Israelis, als auch unter Palästinensern – dabei sein durfte, bleibt es teilweise dabei: Ich weiß zu wenig, um mir eine fundierte Meinung zu bilden, aber genug, um zu wissen, dass Frieden alles, aber sicher nicht einfach ist. Folglich geht es in diesem Text nicht darum, wie sich der Frieden zwischen beiden Seiten verwirklichen lässt. Sondern um ein paar Gründe, aus denen er sich nicht verwirklichen lässt.

Ein Nebeneinander der Religionen

Zuerst einmal habe ich bei meiner Reise die andere Seite des Konflikts kennen gelernt, besagten Frieden. Denn den gibt es, unter anderem in der drittgrößten Stadt Israels, der Küstenmetropole Haifa, in der 10% der Bevölkerung arabisch sind. Juden, Moslems und Christen leben Haus an Haus – nicht konfliktfrei, nicht ohne Wut, aber friedlich. Sicherlich sind viele Palästinenser sauer und fühlen sich ungerecht behandelt, aber ich wage zu behaupten, dass die ungerechte Behandlung dort sich nicht groß von dem unterscheidet, was viele türkische Familien hier in Deutschland mitmachen müssen. Das rechtfertigt selbstverständlich nichts, sollte aber zumindest verdeutlichen, dass die Region um Haifa sich in dieser Hinsicht kaum vom westlichen Standard unterscheidet.

Weiter südöstlich, in Jerusalem, gibt es nach meinen Eindrücken wesentlich mehr Spannung. Ein Grund hierfür ist schnell gefunden: Die Stadt bildet den Mittelpunkt dreier Weltreligionen, sowohl orthodoxe Juden als auch radikale Moslems sind dort in großen Zahlen anzutreffen. Und auch politisch ist Jerusalem ein zentrales Thema: Israel und Palästina erheben Anspruch auf Jerusalem als Hauptstadt ihres Landes. Dass eines der beiden Länder von dieser Forderung Abstand nimmt, ist äußerst unrealistisch – die religiöse Bedeutung Jerusalems ist zu groß. Einer friedliche Teilung des heutigen Israels müsste folglich ein Jerusalem als Hauptstadt beider Staaten zu Grunde liegen.

So etwas hat es auf Erden noch nicht geben und selbst hier in Deutschland sollte es leicht verständlich sein, dass die beiden Gegner sich in diesem Punkt nur schwer einigen können. Stellen wir uns nur einmal vor, es hätte die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze nicht gegeben. Die Alliierten hätten die Grenze weiter westlich, durch Berlin, gezogen und die Stadt dabei zur Hauptstadt Deutschlands und Polens gemacht. Ich wage zu behaupten, dass sich beide Völker gegen diesen Vorgang gesträubt hätten und selbstverständlich ist es auch nicht so gekommen. Und jetzt schauen wir mal zurück auf den Nahostkonflikt und sehen dort zwei Völker, die mehr aneinander auszusetzen haben als wir an den Polen und andersherum. Doch genau diese beiden Völker sollen sich eine Haupstadt teilen – ein Unterfangen, das verständlicherweise alles andere als simpel ist.

Mit einer Mauer zum Frieden?

Ein weiteres Hemmnis ist die Mauer zwischen dem Westjordanland und dem Rest Israels. 759km ist sie lang und somit viel länger als die eigentliche Grenze, die sogenannte Grüne Linie. Die Sperranlagen verlaufen nur zu 20% auf dieser Waffenstillstandslinie von 1949, der Großteil der Abgrenzungen befindet sich stattdessen auf palästinensischem Gebiet, da sich die Mauer bzw. der Zaun um viele jüdische Siedlungen schlängelt – laut Israel, um diese Gebiete ebenfalls zu schützen, doch dieser Ausrede gelingt es nicht, den faden Beigeschmack einer Gebietseroberung zu ersticken. Der Staat Israel nimmt sich das Recht heraus, palästinensisches Gebiet zu besiedeln und einzuzäunen, um in etwaigen Friedensverhandlungen dann Rechtsansprüche auf eben diese Areale zu erheben.

Das ist – um es beschönigend auszudrücken – absolut nicht in Ordnung, im Gegensatz zum eigentlichen Mauerbau. Denn den kann ich zumindest aus menschlicher Sicht vollkommen nachvollziehen. Wenn man täglich Angst haben muss, weil ein Terrorist aus dem Nachbarland den Schulbus des eigenen Kindes in die Luft jagen könnte, dann kommt man auf die Idee, einen Schutzwall zu errichten – das kann ich wirklich verstehen. Gleichzeitig bekommt man jedoch keineswegs das Recht, dem Nachbarland Gebiete zu entreißen – auch nicht, wenn es sich bei besagten Nachbarland offiziell nur um eine Region handelt.

Vergleiche mit der Berliner Mauer sind übrigens mit Vorsicht zu genießen: Die Sperranlagen in Israel wurden mit der Zustimmung eines Großteils der israelischen Bevölkerung gebaut und nicht – wie die Mauer in Berlin – gegen deren Willen.

Gazastreifen und Westbank – ein Volk, zwei Parteien, zwei Gebiete
Der Gazastreifen wird von der islamistischen Hamas kontrolliert, die Westbank von der nach Frieden strebenden Fatah. Beide Parteien stehen im Zwiespalt zueinander. Die Hamas lehnt die Existent Israels ab, sie spricht sich stattdessen für einen palästinensischen Gottesstaat aus. Am 19. September 2007 hat Israel als Reaktion darauf den Gazastreifen zum feindlichen Gebiet erklärt. Wenige Monate später wurde das Gebiet von den Israelis vollkommen abgeriegelt – als Antwort auf die anhaltende Welle der Kurzstreckenraketenangriffe aus dem Gazastreifen. Bis heute wird Israel jedoch immer wieder mit besagten Raketen beschossen. Statt sich jedoch über die Unmenschlichkeit der Hamas zu stellen, die auch innerhalb des Gazastreifens für Attentate verantwortlich ist, reagiert Israel auf viele der Raketenbeschüsse mit Bombardements, bei denen auch Zivilisten sterben.

Im Zuge dieser Auseinandersetzung gibt es für Gaza auch ganz spezielle Aus- bzw. Einreisevorgaben. Im Westjordanland habe ich zwei Palästinenser getroffen, die zu den wenigen gehören, die Gaza verlassen durften. Seitdem müssen sie alle drei Monate ihre Aufenthaltserlaubnis für die Westbank erneuern lassen und immer bei sich tragen. Sollte es dazu kommen, dass sie diese Genehmigung bei einer Kontrolle von Seiten der Israelis nicht mit sich führen, dann werden sie sofort zurück in den Gazastreifen gebracht. Auch, wenn besagtes Papier erwiesenermaßen in der Jeans von gestern steckt. Rein theoretisch dürfen diese Leute auch so zurück nach Gaza reisen, allerdings muss diese Entscheidung endgültig getroffen werden – nach einer Rückkehr müssen sie dort bleiben, eine erneute Einreisemöglichkeit ins Westjordanland gibt es nicht.
Besonders schwer wiegt diese Trennung von Westbank und Gazastreifen bei Familienangelegenheiten. So durfte ich einen palästinensischen Journalisten treffen, der für den Besuch seiner kranken Mutter im Gazastreifen eine spezielle Einreisegenehmigung bei den Israelis beantragen musste. Das Erstellen dieser Genehmigung dauerte Wochen und bevor er sie erhielt, starb seine Mutter. Daraufhin wendete er sich erneut an die Behörden, um wenigstens dem Begräbnis seiner Mutter beiwohnen zu können. Doch auch diese Genehmigung wurde ihm verwehrt. Die Beerdigung fand ohne ihn statt und erst Monate später wurde ihm erlaubt, das Grab aufzusuchen.

Ein weiterer Palästinenser erzählte von seinem Bruder, den er seit 25 Jahren – seit seiner eigenen Flucht aus dem Gazastreifen – nicht mehr gesehen hat. Doch aufgrund seiner Herkunft ist nicht nur der Kontakt mit einem Teil seiner Familie ein Problem. Auch Auslandsreisen können ihm nach Lust und Laune – ohne Begründung – von den israelischen Soldaten verwehrt werden. An guten Tagen darf er dann abreisen, an schlechten eben nicht – dass diese Diskriminierung seine internationale Arbeit stark beeinflusst, spielt dabei keine Rolle.

Nur gemeinsam geht es zum Frieden

Ich habe während meiner Reise viel gelernt und begonnen, zu verstehen. Begonnen zu verstehen, dass der Frieden zwischen diesen beiden Völkern eben nicht von heute auf morgen machbar ist. Und begonnen zu verstehen, dass man diesen Konflikt als Unbeteiligter nicht vollkommen verstehen kann. Diese Auseinandersetzung ist zu groß, um sie in einem einfachen Artikel zu erklären. Sie ist zu groß, um in einem Schulbuch vollständig wiedergegeben zu werden. Vielleicht, ja vielleicht kann man das alles nach einem mehrjährigen Studium des Konflikts begreifen, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls sollte man Abstand davon nehmen, die Dinge zu vereinfachen oder diesen Krieg mit Logik zu erklären. Es gibt keine Logik in Kriegen, schon gar nicht in diesem. Wirklich sicher ist nur eines: Um den Frieden zu schaffen müssen alle Seiten mitwirken, zusammen arbeiten, ja teilweise sogar am selben Strang ziehen. Und dass genau das in naher Zukunft geschieht, ist leider mehr als unwahrscheinlich.

Solidarität üben

Auf dem Blog des Partoffelpunks habe ich dieses wunderbare Video gefunden. Auch wenn mein letzter Beitrag über Zizek, schon mehr oder weniger nur aus YouTube Videos bestand, möchte ich euch dieses Video nicht vorenthalten. Der Germanistikstudent Kouadio Atobé von der Côte D’Ivoire hat das Solidaritätslied von Bertold Brecht, vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges in seinem eigenen Land, neu interpretiert und zusammen mit einem Chor aufgenommen. Ein wunderbares Projekt:

 

Wir sind alle Griechen

"wenn die Demokraten die Regulierung der Staatsschulden verlangen, verlangen die Arbeiter den Staatsbankrott"
(Marx, Karl, MEW 7, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März, S.253, Berlin, 1960)

750 Milliarden Euro an Rettungspaketen stellen die europäischen Regierungen den strauchelnden Euroländern, insbesondere Griechenland für die Refinanzierung ihrer Schulden zu Verfügung. „Die Märkte applaudieren“ schrieb die FTD am nächsten Tag und lobte die Rettungspakete, wie das Umschwenken der Finanzpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die ab sofort Staatsanleihen aller europäischen Länder aufkauft, um deren Preis (d.h. Zins) niedrig zu halten.

Gekoppelt an die Kredite, verlangen die europäischen Länder in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfond (IMF) massive Einsparungen. Die sozialdemokratische Regierung unter Giorgos Papandreou hat jetzt schon ein massives Kürzungsprogramm bei den öffentlichen Ausgaben durchgesetzt und stimmte auch weiteren Strukturanpassungsprogrammen zu. Diese Programme sehen jedoch keine Besteuerung der Vermögen und hoher Einkommen oder eine radikale Reduzierung der Rüstungsausgaben vor, sondern eine Erhöhung des Renteneintrittsalter von 53 Jahren auf 67 Jahren, eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer in diesem Jahr (von 21% auf 23%) sowie massive Einsparungen im öffentlichen Dienst (Kürzung des 14. Monatsgehalt, Streichung des Weihnachtsgeld sowie Lohnkürzungen um 8%).

Schaut man sich diese Sparmaßnahmen an, so erkennt man, dass vor allem kleine und mittlere Einkommen belastet werden, große Einkommen unangetastet bleiben. Diese Kürzungen während einer Weltwirtschaftskrise werden zu einer noch größeren Rezession führen und können am Ende zu einer Depression anwachsen. Schon jetzt, mit Beginn des ersten Sparkurses sind die Aussichten düster. Ökonomen gehen von einer Schrumpfung der griechischen Wirtschaft von 0,5% bis 1% aus. Gleichzeitig verlangen die Kreditgeber das Staatsdefizit von derzeit 13% auf 3% zu senken und ein deutliches Wachstum von 3% aufzubauen. Man erkennt, wie damals auch in Mexico und Argentinien, dass Hellas in einer doppelten Falle steckt. Einerseits ist das Land überschuldet und gleichzeitig wird das Wirtschaftspotenzial durch das „Zwangssparen“ deutlich geschwächt. Bis 2015 braucht das Griechenland mehr als 140 Milliarden Euro für 33 fällige Staatsanleihen mit insgesamt rund 92 Milliarden Euro Zinsen, was rund 232 Milliarden Euro Refinanzierungsbedarf ausmacht. Die Kredite wird Griechenland nicht zurückzahlen können und das Rettungspaket ist mehr eine Vertagung des Problems als eine Lösung.

Die Frage, die sich nun stellt ist, warum die EU zu Hilfe springt? Welches Interesse gibt es für die deutsche Regierung dem Rettungspaket zuzustimmen, wenn die Rückzahlungen der Kredite mehr als unwahrscheinlich sind? Natürlich liegt die Stabilisierung des europäischen Binnenraums auch in deutschem Interesse, wobei es wohl eher handfeste ökonomische Interessen der hegemonialen Kapitalfraktionen waren, die die Schwarz-Gelbe Bundesregierung zu diesem Schritt getrieben haben. Denn was wäre gewesen, wenn Griechenland zahlungsunfähig geworden wäre?

Es sind nämlich gerade deutsche Bankinstitute, die durch eine Griechenlandpleite in die Bredouille gekommen wären, noch dazu gerade diejenigen, die schon vor rund einem Jahr mit massivem Kapitaleinsatz gerettet werden mussten. So hält etwa die Hypo Real Estate nach Angaben der FTD griechische Staatsanleihen von rund 7,9 Milliarden Euro, die WestLB im Wert von rund 1 Milliarde und die Commerzbank rund 3,1 Milliarden. Insgesamt sind deutsche Banken mit rund 31 Milliarden Euro, als zweitgrößter Investor in Griechenland aktiv.

Die Abschreibung dieser Werte hätte ein weiteres Beben im Bankensektor ausgelöst, was das Risiko eines Exodus des Finanzmarktes und damit auch der Weltwirtschaft bedeutet hätte. Die Bundesregierung und auch die anderen europäischen Regierungen hatten gar keine andere Wahl als die immer noch sehr instabilen Banken vor dem Zusammenbruch zu retten. Die Intention der Regierungen war also weniger die Rettung Griechenlands als die Rettung ihrer eigenen Banken. Das Rettungspaket war somit ein zweites Bankenrettungspaket. Die Idee dahinter ist also, mit der geordneten Staatspleite Griechenlands zu warten, um dadurch Zeit für die Stabilisierung des Bankensystems zu gewinnen.

Das Sparprogramm für Griechenland, sowie die monetaristische Ausweitung des Kredits bringen ohne eine wirkliche Umstrukturierung der Wirtschaft und eine deutliche Regulierung des Finanzmarktes wenig, sondern würgen den Konjunkturmotor gleichzeitig ab. Griechenland wird totgespart. Eine Alternative zu diesem Schrumpfen ganzer Volkswirtschaften wäre die Ausrichtung der griechischen Wirtschaft auf eine moderne Dienstleistungsökonomie, bei gleichzeitiger Anhebung der Steuern auf Vermögen und höhere Einkommen sowie einer internationalen Finanztransaktionsteuer, des Verbotes von Swaps und letztendlich einer Vergesellschaftung des Finanzkapitals. Außerdem wäre ein europäischer Ebene koordiniertes Investitionsprogramm von Nöten, denn aus einer Krise, so muss die Erfahrung aus den 30er Jahren und der japanischen Bankenkrise sein, kann man sich nicht heraus sparen sondern nur herauswachsen.

Gedanken zum 99.Weltfrauentag

OLYMPUS DIGITAL CAMERA         Quelle: Jay Morisson by Flickr

Heute gingen zum 99. Mal weltweit wieder Millionen Frauen auf die Straße um gegen ihre tägliche Diskriminierung und Unterdrückung zu demonstrieren. Heute vor 99. Jahren gingen zum ersten Mal Frauen auf die Straße um ihre Rechte an einem guten Leben einzufordern. Am 27.August 1910 hatte die Kommunistin Clara Zetkin auf der zweiten sozialistischen Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen einen Frauenkampftag vorgeschlagen, dem am 19.März mehrere tausend Frauen folgten. Als 1917 die russische Oktoberrevolution stattfand, schlug die bulgarische Delegation 1921 auf der zweiten kommunistischen Weltfrauenkonferenz den 8.März als Internationalen Frauentag vor. Das Datum rührt aus der Februarrevolution her, wo am 8.März 1917 Arbeiter- und Soldatenfrauen des Armenviertels Wyborgs streikten. Dadurch sollte auch der revolutionäre Charakter dieses Tages hervorgehoben werden.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Internationale Weltfrauentag im Osten Deutschlands schon 1946 von den Sowjets eingeführt. In der BRD erlangte dieser Tag erst mit dem erneuten feministischen Engagement der zweiten Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre wieder an Bedeutung. Im Jahre 1977 wurde er von den Vereinten Nationen anerkannt und das Datum 8.März zum Internationalen Weltfrauentag erklärt. In einigen Ländern ist der Weltfrauentag ein Feiertag, so unter anderem in Russland, Kuba, Vietnam und Burkina Faso.

Noch heute leiden weltweit Millionen Frauen an Unterdrückung, Gewalt und Diskriminierung. Jede siebte Frau wird in Deutschland Opfer sexueller Gewalt.  Zwei Drittel aller Mütter in Deutschland, die in Kind unter drei Jahren betreuen, gehen nicht arbeiten. 75% der Putzarbeit in Deutschland wird von Frauen erledigt und zwei Drittel aller Jugendlichen, die bei gleichen bis besseren Schulabschlüssen keinen Ausbildungsplatz bekommen sind Frauen. Im Durchschnitt verdienen Frauen, bei gleicher Arbeit, rund 23% weniger als ihre männlichen Kollegen.

Dies zeigt, dass wir noch weit von einer wirklichen Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt sind. Doch die Frauenbewegung in Deutschland ist tot und wenn sie noch atmet, so hat sie sich an die Universitäten zurückgezogen, wie hier in Marburg. Die selbsternannte dritte Frauenbewegung der “neuen F-Klasse” und der Alphamädchen ist ein Teil des neoliberalen Mainstreams, die als karrieristische Frauen auch einen Teil des Kuchens abhaben wollen. Anstatt für eine wirkliche Gleichberechtigung zu kämpfen, reproduzieren sie die herrschenden Verhältnisse und reflektieren den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und dem Patriachat nicht. Sie sind so poppig und liberal, dass sie in die egozentrische Selbstbeweihräucherung des  neoliberalen Mainstream aus Focus, Stern und ZEIT super hineinpassen und erinnern damit an die bürgerliche Frauenbewegung, die auch nur das Wahlrecht für die reichen Frauen forderten.

Ob es wieder eine wirkliche dritte Frauenbewegung in Deutschland geben und wie sie aussehen wird, ist bisher spekulativ. Ich persönlich sehe derzeit keinerlei Zuckungen der Frauenbewegung außerhalb der Universität. Totgeprügelt durch Gender Mainstream, EMMA und Alice Schwarzer, gilt Feminismus heute als Schmuddelkind und findet außerhalb der Universitäten kaum noch Anhänger_Innen.  In wie fern dies eine Ausgangslage für eine neue, radikale Frauenbewegung sein kann, mag ich doch sehr bezweifeln. Was meint ihr? Brauchen wir eine neue Frauenbewegung?

Das war die Cebit 2010

Also bevor ich hier anfange zu schreiben, möchte ich mich erst einmal beim WordPress-Deutschland Team bedanken, die mir dieses Jahr eine Freikarte für die CeBit haben zukommen lassen. Also vielen Dank.

04032010307 Dies war nun schon mein 13. Besuch auf der CeBit und ich bin dieses Jahr doch wieder einigermaßen zufrieden. Das die Branche ihre besten Zeiten in den späten 90ern und um das Milieniumsjahr 2000 herum hatte ist unbestritten, was man auch an den damaligen Messeauftritten der einzelnen Unternehmen gesehen hat. Das Jahr 2000 ist nun schon 10 Jahre vorbei und die Messe an sich ist deutlich kleiner geworden aber dadurch auch fachlicher und in weiten Teilen auch kompetenter. Empfand ich die CeBit in den letzten 3 Jahren als doch sehr nervig, zu showlastig und wenig kompetent, war sie dieses Jahr doch etwas nüchterner aufgebaut. Kaum Show (von der ESL in Halle 22 abgesehen) und dafür neue junge Projekte, viele Ausblicke in die Zukunft, gute Diskussionen und ein Open Source Park, der mir sehr gut gefallen hat, was jedoch wahrscheinlich an dem Thema lag.

Das Thema dieser CeBit lautete “Push your Buisness” hätte jedoch auch super “Digitize your Life” heißen können. So stand vor allem der neue elektronische Personalausweis, der ab November 2010 den normalen  Personalausweis ersetzten wird im Vordergrund. Der neue Personalausweis wird dann im Scheckkartenformat, inklusive einem integrierten RFID-Chip ausgegeben ,wo neben dem Fingerabdruck und dem Passbild auch der Name und die Adresse gespeichert sind und wo, falls gewünscht, auch ein zusätzliches Zertifikat Platz haben kann. Dies soll dann dazu führen, dass Internetbanking sicherer und schneller abla04032010310ufen kann, da man ja mit seinem digitalen Ausweis eine digitale Identität erhält. Ich finde diese neue “eID” doch bedenklich, da die diese Daten relativ einfach, durch ein mobiles Abfragegerät, abgerufen werden können. Da in der digitalen Welt nichts “unknackbar” ist, sehe ich es nur als eine Frage der Zeit, bis die neuen eIDs geknackt worden sind. Noch bedenklicher jedoch empfinde ich, dass diese vertrauenswürdigen Zertifikate nicht vom Staat herausgegeben und verwalten wird, sondern von privaten “Trust”-Firmen. Gerade im Hinblick auf die Datenpannen der letzten Jahre in etlichen privaten Firmen empfinde ich diese Vorgehensweise  als unsicher.

Desweiteren wurde auf den Dienst DE-Mail aufmerksam gemacht, dass in naher Zukunft den normalen Brief ersetzten soll. Er wird zertifiziert und durch eine 128 Bit Verschlüsselung geschützt und kann damit irgendwann einmal auch von Behörden genutzt werden. Es wäre sogar möglich, so ein Sprecher von DE-Mail, das irgendwann einmal auch Wahlbenachrichtigungen über den Dienst versendet und Wahlen über das Internet möglich währen. Dazu müsste es jedoch einen politischen Konsens geben, den es bisher (Gott sei Dank) dafür nicht gibt.

Ein anderes Thema war unter dem Wort “webciety” ganz gut zusammengefasst, was jedoch mehr oder weniger auch unter dem Slogan “Digitize your Life” hätte laufen können. Es ging vor allem um das Web 2.0, seinen Möglichkeiten und seinen Gefahren. Gerade die Social Communitys und deren Verknüpfung mit anderen Web 2.0-Anwendungen wie bspw. Twitter wurden als Innovationen gefeiert und deren vermehrte Nutzung durch mobile 04032010311 Geräte als Ziel für die Zukunft benannt. So prophezeite der Geschäftsführer von Myspace Deutschland, dass Social Communitys irgendwann einmal wie “Luft” seien würden, da man sein Profil d.h. seine Identität immer bei sich tragen wird. Dieses lasse sich dann wieder mit anderen “Apps” und Funktionen verbinden, was meiner Meinung nach zu einer vollständigen Digitalisierung der menschlichen Kontaktpflege führt, da man jederzeit an jedem Ort Zugriff auf ein Netzwerk von Freunden, Bekannten oder ähnliches haben kann. Im Umkehrschluss haben diese Menschen dann jedoch auch Zugriff auf dich.

Allem in Allem kann man konstatieren, dass wir uns auf dem Weg zur vollständigen Digitalisierung aller Lebensbereiche befinden. Neben Cloud-Computering, NAS-Homeservern und VoIP-Telefonanlagen scheint irgendwie der Mensch verloren gegangen zu sein. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe nach diesem Messebesuch das Gefühl, das wir mehr und mehr die Kontrolle über unsere eigenen Daten und damit auch über unsere eigene Identität verlieren. Die Möglichkeiten der Technik finde ich faszinierend aber in gewisser Weise auch erschreckend.

PS: Irgendwie vermisse ich die Möglichkeit Fußnoten zu setzten :-)

Venceremos – wir werden siegen!

Ich möchte hier eine Rede des ehemaligen chilenischen Präsidenten Salvador Allende dokumentieren, die er vor der UNO-Vollversammlung gehalten hat. Der sozialistische Allende wurde durch einen Putsch, der von der USA finanziert wurde, des Militärs unter Pinochet gestürzt und tötete sich im Präsidentenpalast selbst. Unter Pinochet wurde Chile zu einer Militärdiktatur, die schwere Menschen- und Völkerrechtsverletzungen zu verantworten hat. Das Lied “Venceremos”, das ich hier auch dokumentieren möchte, stammt aus dem Wahlkampf der sozialistischen Partei Allendes Unita Popular. Sie galt unter der Diktatur als heimliche Nationalhymne des Widerstandes. Der Künstler Victor Jara verfasste den Text zu der Musik von Sergio Ortega und schrie es, kurz vor seiner Ermordung, in den Folterkellern von Santiago de Chile, seinen Peinigern entgegen! Venceremos – Wir werden siegen!

In diesem Video singt der sozialistische Sänger Dean Read das Lied Venceremos zum ersten Mal, nach 10 Jahren das Lied in Chile!