Buchtipp: “Der Implex”

Der Freitag beschreibt dieses Buch als kommende “Pflichtlektüre der Kapitalismuskritik”, während er von vom Deutschlandradio (“Krude Anmaßung”, taz (“Hochstaplerisches Imponiergehabe”) und anderen Medien zerrissen wird. Das neue Buch von Dietmar Dath, der Implex, bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit in den Kulturressorts und Feuilletons dieses Landes und verspricht durch seine Konzentration auf den “Implex” eine neue Interpretation des “Transformationsprozesses”.

Der Implex

Der Implex

Dieses Buch behauptet, dass jede Zeit, jede Handlung, jeder Gedanke tatsächlich mehr Möglichkeiten der Selbstverbesserung enthält, als man auf den ersten Blick sieht. Den inneren Zusammenhang dieser verborgenen Freiheitsgrade nennt das Buch “Implex”. Das Wort bezeichnet ein Modell, mit dem man erklären kann, wie Fortschritt in den Mühen tatsächlicher Menschen verwirklicht wird. Es macht verständlich, warum nur Epochen, die sich bestimmte Irrtümer erlauben, auch bestimmte Wahrheiten finden können, und es zeigt, dass die Aufklärung der Gegenwart Werkzeuge der Emanzipation vererbt hat, von denen sie selbst gar nichts wusste.

Ich bin gespannt ob der “Implex” dieses Versprechen einhalten kann. Auch wenn sich dieser 900 Seiten Wälzer als leichte Reiselektüre in keinem Fall eignet, bin ich gespannt.

Gerhard Richter in Berlin

Um gleich zu Beginn mit der Verteidigung meiner Person zu starten, muss ich sagen, dass ich kein Experte der Kunst bin. Ich gehe gerne zu Ausstellungen und genieße die Kultur so, wie sie auf mich wirkt. Ich schaue sie an und versuche zu deuten, Geschichten und Botschaften raus zu lesen und manchmal genieße ich auch einfach nur die Schönheit dieser Werke ohne sie großartig zu hinterfragen. Ich liebe die Kultur und ich lasse mich gerne auf Neues ein, solange es interessant zu sein scheint.

Heute war ich in der neuen Nationalgalerie um mir die Ausstellung “Panorama” mit den Bildern von Gerhard Richter auszuschauen. Viel wurde in den Medien über diese Ausstellung geschrieben und berichtet. Immerhin ist Richter einer der erfolgreichsten deutschen Maler und Künstler und was die Verkaufserlöse angeht, sogar DER erfolgreichste. Seine Bilder hängen im New Yorker Museum of Modern Art, dass ihm zu seinem 70.Geburtstag sogar eine eigene Ausstellung widmete. 10 Jahre später also war Berlin dran, ihm eine Ausstellung zu widmen und zeigte dies mit einer unaufgeregten, ja teilweise langweiligen Art.

Die Komposition der Bilder war verwirrend und unlogisch. Neben abstrakten Bildern von ihm, hingen Landschaftsaufnahmen, neben Portraits hing Popkunst. Alles wirkte irgendwie als würde es nicht an den Platz gehören, wo es gerade stand. Vielmehr noch wirkte es unaufgeräumt aber durch die Aufstellung in den Räumen als unaufgeregt. Schon allein weil die Bilder in vielen Fällen so nichtssagend waren und man in ihnen nicht erkennen konnte, keine Message, keine Geschichte in ihnen zu entdecken war, ist die Überraschung, was auf einmal daneben hing, die einzige Unterhaltung in dieser Ausstellung.

Nun ja, ich will auch nicht alles schlecht machen und manche Bilder gefielen mir. Die zwei Betty-Bilder, wo Richter seine Tochter unglaublich realistisch gemalt hatte und man meinte, es wäre eine Vergrößerung einer Fotographie, waren schon atemberaubend. Und auch die “Leserin” und der “Ferrari” sind zwei Bilder, die wirklich einmalig sind und wo das Genie dieses Künstlers zum Vorschein kam. Dort malt Richter mit einer Genauigkeit und einem Auge, dass es einem wirklich der Atem wegbleibt und man es eigentlich nicht fassen kann, dass sie von Menschenhand gemalt wurde. Und auch das Bild “Stripes”, wo Richter eine riesige Leinwand mit Streifen unterschiedlicher Farbe bemalt hat fand ich sehr schön. Selbst das Bild 4098 Farben war es Wert ausgestellt zu werden und man konnte sich länger davor aufhalten, es betrachten und sich seine Gedanken dazu machen.

Die Mehrzahl der Bilder aber fand ich nichtssagend. Sie stellten war dar, gaben etwas wieder aber nicht mehr. In ihnen war kein Geheimnis, kein Geist und keine Geschichte. Teilweise dachte ich, dass Richter sich über das Publikum lustig machen will, wenn er einen Spiegel aufhängt oder Glasplatten hintereinanderstellt. Bilder mit dem Namen “Tourist mit 2 Löwen” waren einfach nur grau oder blau. Also nein, das war nicht mein Ding und ehrlich gesagt, konnte ich mit dieser Art von Kunst nichts anfangen. Man hat Richter mal den “Picasso des 21.Jahrhunderts” genannt, aber ich muss sagen, von Picasso hat er weder das politische noch das malerische und ich fragte mich während der Ausstellung des Öfteren, warum Richter seine Bilder für Millionenbeträge verkaufen kann. Klar er hat jetzt einen Namen: “Ein echter Richter” aber ganz ehrlich, ich würde mir so was nicht ins Wohnzimmer hängen. Ich war so enttäuscht von der Ausstellung, dass ich danach lieber nochmal in die Dauerausstellung “Zwischen zwei Himmeln” gegangen bin, die mir wirklich gut gefallen hat und wo das Bild “Die rote Wolke” von Renato Guttuso zu sehen ist, der im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat. Ein wirklich wunderschönes Bild.

Kunst ist aber bekanntlich subjektiv und darf, wie die Satire, alles. Ich persönlich kann die Ausstellung “Panorama” von Gerhard Richter nicht empfehlen, trotz des Hypes um seine Person.

Was? “Panorama” Sonderausstellung mit den Bildern von Gerhard Richter
Wo? In der neuen Nationalgalerie zu Berlin
Wann? 12.Februar 2012 – 13.Mai. 2012

Live Mesh nicht mehr Live Mesh

Da hatte sich Windows mal was richtig tolles einfallen lassen und jetzt schaffen sie es mit ihrem Essential 2011 wieder ab. Windows Live Mesh war ein wirklich super Service, bei dem man seine Daten nur in einem Ordner ablegen konnte und dann wurden diese Daten auf einen Windows-eigenen Server gespiegelt und konnten von jedem anderen Computer auf dieser Welt abgerufen werden. Auf meinen eigenen Computern, auf denen ich die Software auch installiert hatte, wurden die Daten automatisch heruntergeladen bzw. synchronisiert. Dies war für mich als Student gerade gut, weil ich einfach nur die Daten wie bspw. eine Powerpoint Präsentation in einen Ordner speichern konnte und diese dann ziemlich schnell auf meinen Uniaccount bzw. auf jeden Computer herunterladen konnte. Ein, wie schon gesagt, ziemlich cooler und intelligenter Service, den ich seit 2008 sehr gerne in Anspruch genommen habe.

Doch nun ist alles anders. Windows hat seine neue Essential Tool Sammlung herausgebracht, wo zwar noch Windows Live Mesh vorhanden ist, aber in voll und deutlich zum Nachteil für den Nutzer geänderter Form. So ist Live Mesh in der Version 2011 nicht mehr über die normale Internetadresse www.mesh.com zu erreichen, sondern muss jetzt sehr umständlich über http://devices.live.com aufgerufen werden und dann muss man sich auch noch durch das Menü klicken um den synchronisierten Ordner zu finden. Zweiter Nachteil, man sieht in der Onlineversion nicht mehr welche Datei man als letztes hoch geladen hat und welche, wann aktualisiert wurde, was man bei Live Mesh alt noch ziemlich gut am linken Seitenrand sehen konnte, wo man dann nur noch auf den Dateinamen klicken musste um die entsprechende Datei dann auch herunterzuladen. Dies alles wurde abgeschafft mit der Intention mit Windows Live eine eigenständige Plattform zu schaffen, wo man E-Mail (Hotmail), Messenger (Windows Live Messenger), Cloud-Speicher (SkyDrive) und Synchronisation (Live Mesh) zusammen hat. Eigentlich eine gute Idee, wenn dabei nicht die Benutzerführung drunter gelitten hätte. Ich nutze ja auch noch SkyDrive, aber jetzt kann ich kaum noch unterscheiden, welche Dateien ich bei SkyDrive und welche bei Live Mesh sind usw. .

Nein allem in allem ist es ein ziemlicher Rückschritt für Leute, die oft Live Mesh benutzt haben und vor allem den Online Service zu schätzen wussten. Ich werde mich über kurz oder lang, sollte es nicht gute Verbesserungen für Live Mesh geben, zu einer Alternative umorientieren. Kennt da jemand was?

Bücher, Bücher, Bücher #2

Endlich habe ich zwei von drei Hausarbeiten fertig gestellt und kann endlich einmal aufatmen und mich den schönen Dingen des Lebens witmen und die Bücher lesen, die ich auch wirklich lesen möchte. Anders als in den letzten Semesterferien habe mich mir diesmal nicht ganze vier Bücher vorgenommen, sondern nur noch zwei, wovon ich schon eines zu Hälfte durchgelesen habe. Zwar hatte ich im Laufe meines 2.Semesters alle Bücher, die ich mir vorgenommen hatte gelesen, jedoch nicht in diesem einem Monat meiner Semesterferien. Also diesmal nur zwei Bücher und die möchte ich hier vorstellen:

Slavoj Źiźek – Auf verlorenem Posten

Das Buch des slovenischen Philosophen habe ich, wie oben beschrieben, schon zu Hälfte Das Cover des Buches "auf verlorenem Posten"durchgelesen und bin mehr als begeistert. Źiźek schreibt wie manch einer eine Rede halten würde und dies mit einer Logik und einem Scharfsinn, wie ich es bisher nur ganz selten erlebt habe. Zusammen mit Psyschoanalyse und sozialwissenschaftlichen Methoden, sowie dem neuen Buch von Naomi Klein, analysiert er die aktuelle Krise als einen neuen weltweiten Schock, den der Neoliberalismus nutzt, um seine Dogmatismen der Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung weiter vorranzutreiben. Bisher ist es ein wirklich sehr schlaues Buch, was zwar voll Fremdwörter strotz, aber dennoch relativ schnell und einfach gelesen werden kann.
Slavoj Źiźek ist einer der neuen Marxisten, die es international derzeit in die Feuilletons schaffen und ihre kritische Meinung zu den allgemeinen kapitalistischen Zuständen äußern dürfen. Neben Alain Badiou und Antonio Negri ist Slavoj Źiźek einer der derzeit bedeutesten Postmarxisten, die man gelesen haben muss. Ich lese ihn gerade und wenn ich fertig bin, dann gibt es einen neuen Beitrag meiner Bücherempfehlungsreihe.

Antonio Negri – Empire, Die neue Weltordnung

Er ist der Klassiker unter den postoperaistischen Autoren und eigentlich ein Werk, das ein Linker, nach dem Kapital von Karl Marx gelesen haben muss. Dies ist auch ein Grund, weshalb er nun auf meiner Liste für die Semesterferien steht. Die FAZ schreibt über das Buch, das der erste Band einer dreitteiligen Serie ist: “Die Autoren wollen nichts weniger als Marx’ Erzählung der Weltgeschichte fortsetzen und auf den neusten Stand bringen”. Slavoj Źiźek nennt es das Kommunistische Manifest des 21.Jahrhunderts. Ich bin gespannt…

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Zizek im Gespräch

Da 3Sat die Sternstunden der Philosophie immer zu relativ komischen Zeiten (11 Uhr oder 3:45 Uhr) sendet, möchte ich hier die Sendung mit dem slowenischen Philosoph Slavoj Zizek dokumentieren. Ich lese gerade Zizeks Buch “Auf verlorenem Posten” und bin begeistert von ihn. Also unbedingt anschauen, auch wenn es 60 Minuten lang geht:

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Tour? Welche Tour?

Ok, ich weiß das die Tour de France vorbei ist. Dies weiß ich aber auch nur, weil der gelbe  Balken “TOUR LIVE” bei SPIEGEL ONLINE verschwunden ist. Ich weiß weder, wer die Tour gewonnen hat, noch wer in Grün ins Ziel eingefahren ist, noch sonst irgendetwas mehr, als dass sie vorbei ist. Dies ist das erste Mal, dass ich die Tour de France nicht durchgehend, ja gar nicht geschaut habe. Nicht, weil ich es nicht hätte können, sondern weil ich einfach kein Interesse daran hatte.

Noch vor drei Jahren habe ich jeden Tag mit gefiebert und der Mannschaft Gerolsteiner die Daumen gedrückt und selbst als diese im Jahr 2008 aus dem Radsport ausgestiegen sind, hatte ich mir 2009 vorgenommen die Tour zu verfolgen. Als dann jedoch schon drei Tage vor der Tour  ein Radfahrer (Wikipedia sagt Dekker) wegen Dopings disqualifiziert wurde, da hatte ich keinen Bock mehr auf diesen Sport. Warum soll ich mir die Tour anschauen, wenn deren “unmenschliche Leistungen” wirklich unmenschlich ist, wenn durch diesem ganze gedope Leistungen erbracht werden können, die diesen Sport unglaubwürdig erscheinen lassen.

Warum soll ich die Tour de France schauen, wenn die Leistungen eh nicht von den Sportlern, sondern von irgendwelchen Präparaten erbracht werden. Wenn ich mir Sport anschaue, möchte ich ehrliche Leistung sehen, sonst könnte ich mir auch Motorsport anschauen, wo nicht die Menschen, sondern irgendwelche Maschinen um die Wette fahren.

Die Tour kommt für mich erst wieder in Betracht, wenn über längere Zeit, von einer unabhängigen Instanz keine Dopingfälle mehr ermittelt werden. Aber eine Frage hätte ich noch:

Wer hat eigentlich gewonnen?

Staatsfragen

Was ist eigentlich der bürgerliche Staat? Welche Auswirkungen hat er auf die Akkumulation des Kapitals und vor allem warum gibt es ihn? Dies sind Fragen, die Theoretiker seit jeher beschäftigen und dessen Antworten immer sehr verschieden ausfallen. Von Machiavelli über Max Weber bis Nicos Poulantzas haben Politik- und SozialwissenschaftlerInnen versucht eine Theorie zu formulieren, die den Staat und seine Apparate einordnet, sortiert und in einen bestimmten Kontext stellt.

Die materialistische Staatstheorie, die im Hintergrund der Studentenrevolte in den 1968er Jahren wieder in den öffentlichen Diskus rückte, wurde mehr oder weniger von der Staatsableitungsdebatte, einer Debatte deutscher Politologen, vor allem in Westdeutlich, geprägt. Der sowjetische Rechtswissenschaftler Eugen Paschukanis hatte im Jahr 1929 ein Werk vorgelegt, in dem er den Staat aus dem kapitalistischen Produktionsprozess “ableitete”. Ausgehend von der Frage, warum der Kapitalismus sich diesen spezifisch bürgerlichen Staat ausgesucht und keine reine, offene Klassenherrschaft installiert hat, analysiert Paschukanis anhand eines Zitates von Karl Marx aus dem Kapital die sogenannte Rechtsform:

„Die Waren können nicht selbst zu Markte gehen und sich nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den Warenbesitzern. Die Waren sind Dinge und daher widerstandlos gegen den Menschen. […] Um diese Dinge als Waren aufeinander zu beziehen, müssen die Warenhüter sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so dass der eine nur mit dem Willen des anderen, also jeder nur vermittelst eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich der fremden Ware aneignet, indem er die eigne veräußert. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigentümer anerkennen. Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverhältnis, worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt. Der Inhalt des Rechts- oder Willensverhältnis ist durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben“ (Marx, 2008, S.99).

Eigentlich zeigt beschreibt Marx in diesem Abschnitt den sogenannten Austauschprozess innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Paschukanis erkannte jedoch, dass Marx darin gleichzeitig Voraussetzungen für eine erfolgreiche kapitalistische Warenproduktion impliziert. Durch das Warenhüter-Theorem, also das die Waren nicht selbst zum Markte gehen können, sondern das man sich nach ihnen umschauen sollte, beschreibt Marx eine Rechtsform, die es erlaubt, dass beide Warenbesitzer frei sind und in Besitz einer Ware sind, was wiederum bedeutet, dass eine dritte Instanz das wechselseitige Recht auf Privateigentum gewährleisten muss. Tritt diese dritte Instanz nicht zu Tage, kann dies im Konfliktfall schlimme Auswirkungen haben (Man stelle sich vor, wie Pepsi und Coca Cola mit Panzern um ihre Marktanteile in Berlin kämpfen). Dies zeigt, das ohne eine dritte Instanz, die sogenannte Politische Form oder der bürgerliche-kapitalistische Staat, eine erfolgreiche Reproduktion des kapitalistischen Produktionsprozesses nicht möglich ist. Ohne das Gewaltmonopol des Staates zur Aufrechterhaltung des Produktionsprozesses, kann sich die, über den Markt vermittelte Gesellschaft nicht aufrechterhalten, d.h. ohne die politische Form bzw. Rechtsform gibt es keine Wertform und ohne diese keine kapitalistische Produktion. Der Staat lässt sich, wie Max Weber es schon schrieb, nicht über seinen Inhalt, sondern über sein spezifisches Mittel, nämlich des Gewaltmonopols definieren.

Gleichzeitig gibt es nicht nur eine Abhängigkeit des Marktes vom Staat. Auch der Staat ist abhängig von einer erfolgreichen Produktion und Reproduktion des kapitalistischen Austauschprozesses. Am Besten lässt sich dieses antagonistische Verhältnis mit dem “Steuerstaat” erklären. Der Steuerstaat ist eine der weitverbreitesten Staatsformen auf der Welt. Der Staat bezieht seine Handlungsfähigkeit aus dem Steueraufkommen der Bevölkerung. Dieses bemisst sich vor allem durch die gelungene Kapitalakkumulation, d.h. je mehr die Menschen in einer Nationalökonomie verdienen (Das Wort Verdienen, soll hier zu Vereinfachung benutzt werden), desto mehr Steuern bezahlen sie. Daher gibt es ein reges Interesse des Staates an einer gelungen Kapitalakkumulation. Dieser Zustand bedeutet also, dass es auf der einen Seite eine Trennung von Staat und Ökonomie gibt und auf der anderen Seite eine Verbindung der beiden Ebenen.

Dies sollte nur ein kleiner Einstieg in die materialistische Staatstheorie sein und euch dazu anregen, vielleicht noch mehr darüber zu lesen. Denn auch innerhalb der Linken sind sich die Theoretiker nicht einig darüber was der Staat nun sei. Ist er das Instrument der herrschenden Klasse, wie Engels es im Ursprung beschrieb, oder ist er eine Burg, die man erobern muss um die Macht zu übernehmen, wie Antonio Gramsci es beschrieb. Oder ist der Staat eine materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen, wie Nicos Poulantzas argumentierte und dessen Vorstellungen vom Staat, die aktuelle politische Debatte innerhalb der wissenschaftlichen Linken dominiert. Für alle die mehr wissen wollen, empfehle ich den Reader der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Bremen, der unter dem Titel “Staatsfragen – Einführung in die materialistische Staatskritik” in diesem Jahr erschienen ist und den man auch als PDF herunterladen kann.  Neben vielen interessanten Wissenschaftler schreibt auch der Marburger Professor John Kannankulam in diesem Reader zu den Themen:

“Zur westdeutschen Staatsableitungsdebatte der siebziger Jahre.
Hintergründe, Positionen, Kritiken”

sowie

“Autoritärer Etatismus im Neoliberalismus”

Ich habs getan!

So, nun habe ich es getan, ich bin umgestiegen. Ich habe mich nach langer Zeit von ihr verabschiedet. Ich habe zu ihr gesagt: “So geht es nicht weiter! Ich mache Schluss, ich gehe!”. So sitze ich nun hier und schreibe meinen ersten Text auf meinem frischen Ubuntu Betriebssystem und bin immer begeisterter, je länger ich es nutze.

Ich habe das neue Ubuntu 10.4 auf mein kleines Samsung-Netbook installiert, da das Hochfahren eine gefühlte halbe Stunde gedauert hat, mein Windows XP immer mehr anfing zu streiken und ich allgemein immer unzufriedener wurde. Mal ging der Grafikkartentreiber nicht mehr, dann streikte der Explorer und zu guter Letzt wollte sich Windows nicht mehr in mein Uninetz einloggen. Da ich die WM-Spiele während meinen Vorlesungen jedoch über einen Livestream auf Rechner schaue, war dies nun der große Grund den Umstieg zu wagen, den ich schon ewig plante, mich jedoch nie traute. Nachdem am Wochenende, mich mein bester Freund Tim besuchte, der Informatik studiert und nebenbei ein riesen Fan von Linux-Distributionen ist, war auch die Absicherung durch einen Experten gegeben und dem Umstieg stand nichts mehr im Wege.

Seitdem ich Politik hier in Marburg studiere, muss für mich ein Rechner mehr oder weniger funktionieren. Ich finde einfach nicht mehr die Zeit, mich ewig lange an einem Rechner aufzuhalten, an ihm rumzubasteln und ewig irgendwelche Programme zu installieren. Das darunter meine Fachkenntnis in´der EDV ein wenig leiden, muss ich dadurch leider in Kauf nehmen (aber Gott sei Dank habe ich ja meinen Blog noch nebenher, wo ich wenigstens noch ein wenig in PHP und MySQL drin bleibe). Und da so ein Rechner nun eben für mich funktionieren muss, habe ich nun mit Ubuntu wohl die beste Wahl getroffen.

Denn in der Distribution ist eigentlich so alles erhalten, was ein normaler Student so brauch. Die Installation lief ohne Probleme. Nach der Formatierung der Festplatte, richtete der Installationsmanager ganz automatisch das Linux neben dem Windows XP ein, so dass ich nun auch immer noch auf meine Daten im Windows zugreifen kann. Nach der Installation, die wirklich fix verlief, bootete ich den Rechner zum ersten Mal und war sehr erstaunt, wie schnell mein Netbook doch sein kann und dabei hat es alles, was der Student von heute braucht. Mit OpenOffice ist eine komplette Office-Suite dabei, mit Firefox ein guter Browser (habe mir dennoch Opera installiert, weil meiner Meinung nach besser) und ein Musikplayer sowie Brenner, Taschenrechner und mehr rahmen das Angebot ein. Und für alle, denen noch was fehlt, für den steht die Synaptic-Paketverwaltung bereit, wo man  wohl alles finden kann, was das Herz begehrt.

Einen Fehler hat das Linux jedoch noch. Im Akkumodus ist mein Bildschirm ziemlich dunkel und ich habe bisher auch noch nicht herausgefunden, wie ich ihn heller machen kann. Zwar schreiben etliche Foren, dass dies am BIOS liegt und man einfach die Einstellung dort auf Manuel umstellen muss. Ich habs gemacht, funktioniert nur leider nicht! Aber mal schaun, vielleicht finde ich ja eine Lösung.

Ansonsten bekommt Ubuntu 10.4 auf meinem Samsung NC 10 eine 1, weil es für Studierende wohl das Beste, Einfachste, Schnellste und vor allem Günstigste ist!

Bücher, Bücher, Bücher

„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.”
                                                                                                    Herman Hesse

Die Semesterferien haben nun auch für mich begonnen und Ferienzeit heißt Bücherzeit. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen Lenin zu lesen, nun aber werden es drei andere Bücher sein, die ich versuchen werde in dem einen Monat, der mir noch bleibt, zu lesen.

Rudi Dutschke – Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen

Dieses Buch ist die Dissertation des Studentenführers Rudi Dutschke dort drin den sowjetischen Weg zum Sozialismus analysiert und kritisiert. Er zerpflückt die leninistische Politik als eine “Vergewaltigung der asiatischen und bäuerlichen Wirklichkeit Rußlands” und weißt der Linken einen “Hang zur Glorifizierung autoritärer Modelle” nach. Mit den neomarxistischen Theorien von Georg Lukás versucht Dutschke gleichzeitig eine Perspektive, eine von ihm benannten “aufrechten Gang”, weg vom sozialistischen Weg, hin zu einer freiheitlichen sozialistischen Gesellschaft, aufzuzeigen.  Ich jage diesem Buch schon seit einer Ewigkeit hinterher, da es leider nicht mehr gedruckt und auch nicht mehr auf dem freien Markt zu bekommen ist. Ich habe zu meiner Erquickung ein Exemplar in der Universitätsbibliothek Marburg gefunden und ausgeliehen und muss demnach dieses Buch unbedingt durcharbeiten. Auf jeden Fall freue ich mich!

Der Staat der Bürgerlichen Gesellschaft – Zum Staatsverständnis von Karl Marx

In diesem Sammelband zum Thema des marxistischen Staatsverständnisses schreiben viele gute Autoren über Marx, Marxismus und die Frage des Staates. Da es keine tiefgründige und systematische Analyse des bürgerlichen Staates in den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels gibt, ist es für jeden Marxisten die Staatsfrage traditionell eine schwierige. Aufgrund meiner Hausarbeit über Antonio Gramsci und seiner Theorie des integralen Staates, die ich in diesem Semester geschrieben habe, interessiere ich mich aber brennend für die Frage. Ist der Staat wirklich nur der Überbau einer allmächtigen Basis oder besteht er eben doch aus Festungsanlagen und Kasematten? Die Antwort auf diese Frage und noch viele neue Anregungen erhoffe ich mir von diesem Buch.

u.a. Elmar Altvater und Jörg Huffschmid – Krisen Analysen

Als ich dieses Buch im Buchladen “Roter Stern” in Marburg stehen sehen habe, konnte ich nicht einfach daran vorbei gehen. Dieser Sammelband vereint einen Großteil der wichtigsten “linken” Ökonomen, die dort jeweils die derzeitige Weltwirtschaftskrise analysieren. Gerade auf die Analyse von Jörg Huffschmid, der leider am 5. Dezember 2005 verstorben ist und zu den größten aber auch anerkanntesten alternativen Ökonomen gehörte, freue ich mich. Als ich zu meiner Hausarbeit über die Krisen seit Bretton Woods sein Buch “Politische Ökonomie der Finanzmärkte” gelesen habe, war ich hin und weg von seiner analytischen Präzision. Aber auch Elmar Altvater ist jemand, den man eigentlich immer wieder lesen kann. Besonders gespannt bin ich auf die Analyse von Karl Georg Zinn, der unter dem Titel “Krisenerklärung: Drei verlorene  Jahrzehnte” das Thema meiner Hausarbeit aufgreift und das Ende von Bretton Woods zum einem Startpunkt dieser Weltwirtschaftskrise macht.

John Kannankulam – Autoritärer Etatismus im Neoliberalismus – Zur Staatstheorie von Nicos Poulantzas

Dieses Buch liegt bei mir nun schon seit Weihnachten auf dem Nachtschrank und ich habe es auch schon geschafft rund 87 Seiten zu lesen. Es ist bisher genial und vor allem flott geschrieben, so dass es bisher Spaß macht dieses Buch zu lesen. Es ist die Dissertation meines Professors für Politische Ökonomie, John Kannankulam, der dort einen Zusammenhang des Neoliberalismus und der neuen europäischen Sozialdemokratie mithilfe der neomarxistischen Staatstheorie von Nicos Poulantzas nachweist. Ich bin gespannt was mich auf den nächsten 264 Seiten erwartet.

Die neuen Alphamädchen?

Der neue Job von vielen meiner Kommilitoninnen, scheint die Prostitution zu sein. Jedenfalls kann man dies glauben, wenn man derzeit in einen Buchladen geht und sich die Bücher unter der Rubrik Belletristik anschaut. Dort stehen in letzter Zeit immer mehr Bücher in den Regalen, wo Studentinnen über ihren Job als “Teilzeithure” schreiben, der Bafög und Mamas Überweisungen alt auslassen soll, wie der Unispiegel in seiner neusten Ausgabe berichtete. Das Feuilleton jubelt diese Art von Literatur, wie schon der Ekelroman von Charlotte Roche als eine neue Art des Feminismus hoch, übersieht jedoch, dass diese Geschichten alles andere als feministisch oder emanzipatorisch sind noch das sie mit einem Tabu brechen. Aber beginnen wir am Anfang:

Angefangen in Frankreich

Der erste Roman dieser Rubrik erschien im Frühjahr 2008, wo eine französische Studentin in ihre autobiographischen Roman “Laura D. – Mein teures Studium: Studentin, 19 Jahre Nebenjob: Prostituierte” über Studentenarmut und die Verlockung des schnellen Geldes schrieb. In ihrem Roman schreibt sie, wie sie nach der Immatrikulation an einer Pariser Universität immer größere Geldprobleme bekommen hat und sich irgendwann auf eine Anzeige im Internet meldet, wo ein “junggebliebener Fünfzigjähriger" nach "gelegentlicher Masseuse, gerne Studentin" sucht. Sie schmeißt für den Stundenlohn von 250€ ihren Job in einem Call-Center und fängt an ihren Körper aber auch ihre Seele zu verkaufen. Laura D. schafft es in diesem Roman die gesellschaftspolitische Relevanz von Studentenarmut zu thematisieren und die Scheußlichkeit von Prostitution und deren Auswirkungen auf Körper und Seele zu beschreiben und eine Diskussion über rund 40 000 französische Studentinnen zu entfachen, die Frankreich als Prostituierte arbeiten

Kopien auf dem deutschen Markt

Was erfolgreich ist, dass kann auch kopiert werden, dachten sich die deutschen Verlage und werfen nun massenweise an “Studentin-und-Prostituierte”-Romane auf den Buchmarkt. Ob “Fucking Berlin” von Sonia Rossi oder “33 Männer in 33 Nächten”  von Tina Schneider kopieren alle mehr oder weniger aber vor allem deutlich schlechter, dröger und unkritischer die Geschichte von “Laura D.”. Die Kritik an den Gesellschaftsverhältnissen,  scheint beim Import nach Deutschland irgendwo verloren gegangen zu sein, genau wie Spannung und schriftstellerische Qualität. So schreibt die 20 jährige Sonia Rossi, dass ihr dieser Nebenjob “viel Spaß” gemacht habe und sie “so eine Arbeitsstelle […] nie wieder finden werde”. Gleichzeitig ist die Geschichte einfach nur langweilig, wirkt mehr oder weniger endlos zu sein und scheint eher Menschen anzusprechen, die einen zwei-zeiligen Satz nicht mehr verstehen würden.

Und was hat das mit Feminismus zu tun?

Das frage ich mich auch. Diese Bücher würden wahrscheinlich als billige Schmuddelpornos über die Ladentheke gehen, wenn sie nicht von Studentinnen geschrieben worden wären. Die Mischung aus Prostitution und Intelligenz, aus Studentin und Sex scheint das schmuddelige abzustreifen und etwas Verruchtes zu erzeugen. Die Vorlage von Charlotte Roche, die ihr Buch “Feuchtgebiete” selbst als feministisch promotete, schien für das nationale Feuilleton zu erfolgreich gewesen zu sein, als das man nun diesen Unimädchenreport ignorieren könnte. Jedoch sind diese Bücher alles andere als feministisch! Sie reproduzieren erfolgreich Geschlechterstereotypen und propagieren mehr oder weniger die Unterwerfung unter den Mann für ein paar Euro. Gerade die deutschen Romane sind nicht einmal gesellschaftskritisch, sondern könnten gut und gerne in die Rubrik “Sex Sells” eingeordnet werden. Prostitution ist meistens nicht freiwillig und gerade als Studentin müsste man so viel Stolz haben, sich nicht als Ware anbieten zu müssen. Diese Bücher unterstützen die geheimen Phantasien von pubertierenden Schuljungen oder die der alternden Männer, von einer Studentin, die sich freiwillig und mit Spaß an der Sache sich ihnen hingibt und diese jeden Tag wieder von neuem konsumieren können und dabei nebenher ein ruhiges Familienleben organisieren. Ich persönlich würde sogar soweit gehen, dass diese Bücher, genau wie die Tat über die sie berichten, reaktionär und antifeministisch sind. Redakteure, die in Feuilletons diese Bücher als neue Frauenbewegung abfeiern, haben von Feminismus und Gesellschaftskritik wenig verstanden und sind genauso im neoliberalen Mainstream verhaftet wie die Autorinnen selbst.