Studium? Schule!
1 KommentarGestern bin ich aus einem Seminar geflohen, weil ich es nicht länger ertragen habe. Es war in einem Seminar zur Friedens-und Konfliktforschung und wir waren in Gruppen eingeteilt und sollten einen Text diskutieren und dazu Fragen beantworten. Die Fragen waren aber vor allem als Orientierungshilfen zur Diskussion des Textes gedacht und waren weniger “Aufgaben”, die man in den 20 Minuten beantworten musste. Meine Gruppe sah dies jedoch anders und wollte so schnell und effizient wie möglich die Aufgaben lösen und sich bloß nicht mit Diskussionen aufhalten. Abgesehen davon, dass bei den vielen Kommiliton_Innen in meiner Gruppe, aufgrund ihrer niedrigen Semesterzahl (2 und 4) das spezielle Wissen fehlte, waren sie auch nicht willig sich auf eine Diskussion einzulassen.
Ich kam mir vor wie früher in der Schule, als wir von unserem Lehrer einen Text bekommen hatten und diejenigen, die ihn am schnellsten durchgearbeitete hatten, wurden damit belohnt, dass sie 10 Minuten Pause hatten. Jeder Versuch von mir, wurde mit einem “Das diskutieren wir später, jetzt machen wir erst einmal die Aufgaben” abgewürgt und die anderen Kommentare der Kommilition_Innen waren Aussprüche ihrer eigenen subjektiven Erfahrungen. Allen in allem ist der kritische Geist, der zu meinem Ersti-Zeiten noch in kleinen Doisen in Seminaren und Vorlesungen vorhanden war (und hier auch vor allem von den Studis eingefordert wurde) wohl verfolgen. Der ideologische Staatsapparat (vgl. Althusser u. Poulantzas) hat hier gute Arbeit geleistet und den Schüler_innen einen Arbeitsethos mitgegeben.
Aber man kann es ihnen auch eigentlich nicht verübeln. Die meisten kommen direkt von der Schule an die Universität, oft schon nach der 12.Klasse mit gerade einmal 18 Jahren. Sie wurden 12 Jahre in der Schule zugerichtet und ihnen wurde beigebracht wie sie zu denken und zu arbeiten haben. Die Leute aus meiner Arbeitsgruppe gestern waren auch erst aus dem zweiten Semester (hat mir Spiegel Online geflüstert) und haben nach dem Abi sofort mit der Uni begonnen. Und wir alle wissen, dass Denken und Verstehen mehr ist, als Wissen aufnehmen. Verstehen braucht Zeit und die haben die meisten jungen Leute heute nicht mehr bzw. die nehmen sie sich selbst nicht mehr.
Auf jedenfall bin und war ich ernüchtert und muss schauen, ob ich in Marburg überhaupt noch einmal ein Seminar besuchen möchte… oder ob ich nicht lieber in der Zeit ein Buch lese.


