ACTA ad acta legen

Berlin-Alexanderplatz, es ist 13 Uhr und vor dem Neptunbrunnen sammeln sich Menschen um gegen ein Abkommen zu demonstrieren. Neben einigen Demonstrant_Innen, die man öfters auf Demonstrationen sieht, stehen dort Menschen, die man eigentlich nicht auf Demonstrationen erwarten würde. Wahrscheinlich hätten sie sich früher selbst nicht mal vorstellen können, dass sie irgendwann einmal auf der Straße stehen würden um für “Freiheit” zu demonstrieren. Es sind Menschen mit “World of Warcraft”-Hemden und Pac-Men-Mützen, die sich bei -10 Grad von ihrem Computer wegbewegt haben um in Berlin-Mitte zu demonstrieren und ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen.

Insgesamt waren es knapp 10.000 Menschen allein in Berlin und mehr als 30.000 Deutschlandweit, die gestern auf die Straße gegangen sind um gegen die Unterzeichnung des internationalen Anti-Piraterie Abkommen ACTA zu demonstrieren. Dieses sieht die internationale Durchsetzung von Eigentumsrechten vor, ist aber aufgrund seiner Entstehung und seiner einseitigen Betonung auf die Wahrung von Urheberrechten umstritten.

Der Grund für diesen Artikel ist aber nicht dieses Abkommen, sondern die gestrige Demo, die ich in ihrer Zusammensetzung bemerkenswert finde. Denn es waren nicht die üblichen Verdächtigen, die dort gegen Überwachung und die Einschränkung ihrer Grundrechte demonstrierten, sondern ein ganz unterschiedliches Milieu an Menschen. Es waren Nerds, die auf mich wirkten, dass sie zum ersten Mal ihren Platz vor dem Computer verlassen haben, die zusammen mit scheinbar unpolitischen junge Leute, zwischen 13 und 18 und den typischen “Otto Normalverbrauchern” für die Erhaltung eines Freiraumes eintraten, der bis heute noch sehr vielen Menschen als fremd und diffus gilt. Auch sonst einte sie nicht wirklich viel, als das sie noch für etwas anderes hätten kämpfen können. Sie gehörten weder einer gemeinsamen ökonomischen Klasse, noch hätten sie einer gemeinsamen politischen Strömung zugeordnet werden können. Sie einte eigentlich nichts, außer das sie “gegen” etwas waren und dieses “etwas” stellte eine Bedrohung für ihre Lebensrealität dar.

Denn obwohl diese Menschen so unterschiedlich und verschiedenen sind, bewegen sie sich doch in den gleichen Räumen, nutzen die gleichen Dienste und genießen etwas, was ihnen im echten Leben beschränkt wird: Die Freiheit ihre Meinung, ihr Leben, ihre Lieblingskunstwerke zu teilen, zu publizieren und mit anderen zu diskutieren. Es sind die Räume in denen sie Geld verdienen aber auch ihr Leben leben und über die sie auch zu dieser Demonstration mobilisiert wurden. Twitter, Facebook und Tumblr, verschiedene Blogs und Videos zu Youtube warben für die Demonstrationen und trieben sogar in Augsburg ganze 3500 Menschen auf die Straße.

Doch wie soll man diese Demonstration werten? Kann man den Widerstand gegen ACTA in eine Reihe mit den Demonstrationen gegen die Vorratsdatenspeicherung sehen und damit auch als Bewegung bezeichnen? Ist es möglich auch die Anonymousbewegung als Teil dieser Bewegung zu sehen und vor allem, ist dieses ganze Milieu, dass sich derzeit im Internet tummelt, als eine revolutionäre Masse zu sehen?

Ich bin gespannt, wie sich diese “Bewegung” weiter entwickeln, organisieren und formieren wird. Das untere Video zeigt aber erstmal, warum man ACTA ablehnen und auch als “Nicht-Nerd” auf die Straße gehen sollte.


2 thoughts on “ACTA ad acta legen

  1. Ich würde es ganz einfach die “Generation Internet” nennen. Die Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Für die es selbstverständlich ist, und die es nicht nur “für E-Mail und so” benutzen. 

  2. Ja vielleicht ist aus der “Generation Gameboy” die “Generation Internet” geworden aber eigentlich hielten die doch alle für eher unpolitisch. Ich glaube aufgrund dieser Selbstverständlichkeit das Internet zu bedienen, generieren wir (ja irgendwie würde ich mich auch dazuzählen, immerhin mache ich ja diesen Blog auch hier) uns auch irgendwie eine neue Lebensrealität, die uns gewisser Weise als Rückzugsort vor der Wirklichkeit dient aber gleichzeitig auch ein Medium für uns darstellt um diese Wirklichkeit zu verändern.

    Ich frage mich nur, und diese Frage stellte ich mir auch schon beim aufkommen der Piratenpartei, ob diese Bewegungen wieder vergehen würden, wenn die Angriffe auf diesen Freiraum eingestellt werden würden, oder ob man dann noch mehr fordern würde. Mhm, wenn ich ehrlich bin, dann würde ich die zweite Möglichkeit verneinen, weil das Internet den meisten doch eher als Rückzugsort und weniger als Medium genutzt wird. Mich würde mal eine Einschätzung von dir interessieren.

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