Tucholsky zur heutigen Trauerfeier

Da ich aufgrund meines Eintrages “Feste feiern, wie sie fallen!” als “Zecke, die dem deutschen Volk den Dolch in den Rücken sticht” beschimpft worden bin, ist es wohl nun auch nicht mehr schlimm, wenn ich die heutige Trauerfeier für die gefallenen Soldaten der Bundeswehr als unwürdig bezeichne. Mit Fahne, Stahlhelm und Spalier sowie dem absingen der deutschen Nationalhymne sowie des Liedes “Ich hatte mal einen Kameraden” wurde einmal mehr bewiesen, dass sich die Bundeswehr in Tradition mit anderen deutschen Armeen der Geschichte sieht. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat 1932 ein wunderbares Gedicht geschrieben, was zu der jetzigen Situation mehr als gut passt. Daher möchte ich meine Worte sparen und lieber ein Gedicht von Tucholsky sprechen lassen:

Die Herren Eltern

Ist ein Schullehrer Pazifist
und sagt, wie es in Wahrheit im Kriege ist –:
dass Generale Kriegsinteressenten sind,
ganz gleich, wer verliert; ganz gleich, wer gewinnt …
dann – sollte man meinen – freun sich die Eltern für ihr Kind?
Jawoll!

Dann erhebt sich ein ungeheures Elterngeschrei:
»Raus mit dem Kerl! Das ist Giftmischerei!
Unser Junge soll lernen, wie schön die Kriege sind!
Wir warten schon drauf, wann wieder ein neuer beginnt –
und dazu liefern wir gratis und franko 1 Kind!
Jawoll!«

Die Elternbegeisterung ist ganz enorm.
Die Mütter: aus Liebe zur Uniform.
Die Väter, die Lieferanten für den Schützengraben,
denken: warum sollen denn diese Knaben
es besser als unsereiner haben?
Nicht wahr?

Die Fabrikation eines Kindes ist nicht sehr teuer.
Aber erhöh mal ein bißchen die Umsatzsteuer –:
dann kreischen die Herren Eltern, dass der Ziegel vom Dache fällt.
Man trennt sich leicht vom Kind.
Aber schwer vom Geld.

Bekommt das Kind einen Bauchschuß? Das macht ihnen keine Schmerzen.
Doch ihr Geld – das lieben die Herren Eltern von Herzen.
Jawoll!

Mitleid mit den Opfern, die da fallen für Petroleum, für Fahnen,
für Gold –?
Die Herren Eltern haben es so gewollt.


Ähnliche Artikel

1 Kommentar zu „Tucholsky zur heutigen Trauerfeier“


  1. Henk Mantel sagt:

    hallo,

    ich möchte über das Ganze nur sagen. Mitleid mit den Eltern und den Familien. Wie traurig und wofür?
    Ein holländischer Händler sagte noch nicht so lange her lächelnd: “Ich habe mich komplett geirrt mit Afghanistan, ich habe zu viele Bodybags anfertigen lassen. Verkaufe ich jetzt mit Rabat”.
    Abscheulich dieser Zynismus.

    Da helfen keine Pillen (Tucholsky)

    Henk Mantel

    AntwortenAntworten

Kommentieren


Über…
Willkommen auf dem Lahnblog. Hier schreibt ein, aus Berlin stammender Marburger Student der Politikwissenschaften über alles was ihn interessiert. Vorzugsweise wird hier kritisch über nationale und internationale Politik geschrieben, aber auch gesellschaftliche Themen und Debatten sowie Bücher und Musik sollen hier nicht ausgespart werden. Der Lahnblog, wie der Name schon sagt, stammt direkt von dem schönen kleinen Fluss "Lahn", der durch die wunderschöne Studentenstadt Marburg fließt. Er ist ein offener und progressiver Blog für Marburg und die Welt!
Gedanken
Flickr
Nationalismus-54 Nationalismus-53 Nationalismus-52 Nationalismus-51
Gespräch
  • Provinzpiratin: @Kiri: Das Traurige ist ja, dass sich große Teile unseres Gesundheitswesens auf Zivildienstleistende...
  • Moritz: Keine Ursache – vielen Dank, dass ich ihn hier veröffentlichen durfte. Und vielen Dank für deine zwei...
  • Celle: Ach ja. Ich glaube das ist schon ein bisschen typisch jetzt dem geschenkten Gaul bloß nicht ins Maul zu...
  • Moritz: Das Argument hast du nicht verstanden, weil ich den Verteidigungsminister meine, nicht den Außenminister^^.  
  • Felix: @Moritz: Mhm, ich weiß nicht ob die Bundeswehr wirklich nur kleiner und professioneller wird. Natürlich hast...
Schlagworte
Unfairen Einkauf stoppen
Kategorien
Follow us
Add to Technorati Favorites Krisenblog auf YouTube
Umfrage

Brauchen wir eine neue Frauenbewegung?

View Results

Loading ... Loading ...