Sie war wohl die auffälligste Person während meines ganzen Aufenthalts in Frankreich. Eigentlich war sie omnipräsent und man konnte ihr, las man denn Zeitung, hörte man Radio oder sah man Fern, eigentlich nicht entkommen. Marine Le Pen, die Tochter des “bretonischen Monsters” Jean-Marie Le Pen, ist zurzeit auf allen Kanälen in den französischen Medien zu hören und gibt zu jedem Thema ihren Senf zu irgendeinem Thema. Ob es der Verlust des AAA-Status ist, das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat von 1905 oder zur Eurokrise, um nur die derzeitig aktuellsten Themen zu nennen (vgl. Le Monde, 2012a; Le Monde, 2012b).
Dabei bietet sie eigentlich immer nur die gleichen rassistischen und nationalistischen Parolen als Lösungen für sämtliche Probleme an. Raus aus der Eurozone, Einwanderungsstop und Stärkung der französischen Nation im Inland und im Ausland. Mit neokolonialen und imperialistischen Ideen möchte sie Frankreich zu seiner alten Stärke in der Welt verhelfen (vgl. marinelepen2012.fr, 2012a). Frankreich, als ehemalige Grand-Nation, wurde durch die PS und der UMP und allen anderen vorherigen Regierungen geschwächt, da diesen, so Marine Le Pen, das Geld wichtiger war als die “Volksgemeinschaft und die französische Nation” (vgl. Le Monde, 2012b). Genauso analysiert sie auch die derzeitige Eurokrise und das Phänomen der Globalisierung. Die Krise komme nicht von ungefähr, sondern sei die Konsequenz aus der Vereinheitlichung der Völker und die Negierung der Nationen und ihren Kulturen. Diese Dynamik, die dem Geld die Vorfahrt gibt und dadurch den Menschen ihre nationalen Wurzeln nimmt, nennt sie Globalisierung bzw. mondialisation. Wenn die Nation Frankreich wieder Vorfahrt in der nationalen Politik hat und die Einwanderung und somit die Vermischung gestoppt wird, dann wird auch Frankreich wieder zu seiner alten Stärke finden.
Dieser Nationalismus und Rassismus wird dann weiterhin durch eine permanente Islamophobie unterstützt, die sich Le Pen von den Islamhassern aus den Niederlanden und Belgien usw. abgeguckt hat. Während ihr Vater vornehmlich gegen Juden wetterte, steht der Hauptfeind für Le Pen in Mekka und bedroht die französische Nation (vgl. marinelepen2012.fr, 2012b). Dieser will die Scharia in Frankreich einführen und die französische Öffentlichkeit dazu zwingen kein Schweinefleisch mehr zu essen. Deshalb ist eines ihrer wichtigsten Ziele ein neues Ministerium für Säkularismus einzuführen, die die Finanzierung von Glaubensgemeinschaften durch das Ausland kontrolliert und verbietet, wenn es gegen die Interessen der französischen Nation ist. Und dieses Bild, welche Religion die wirkliche französische Religion ist, dass hat sie heute erst betont. “La France plongeait “ses racines dans le christianisme. C’est (…) notre histoire, notre identité” (Frankreich hat seine Wurzeln im Christentum… Das ist unsere Geschichte, unsere Identität) (vgl. Le Monde, 2012b).
Das eigentlich bemerkenswerte ist aber nicht, dass es Rechts von den Konservativen noch eine Partei gibt, die den Ideen der Nazis schon sehr nahe ist, sondern die mediale Aufmerksamkeit, die ihr gewährt wird. Sie ist nicht nur überall präsent, wie ich es oben schon erwähnt habe, sondern sie wird zitiert und behandelt wir eine ganz normale Politikerin, die sich zu bestimmten politischen Sachverhalten äußert. Eine der größten Gratiszeitungen Frankreich, die Direct Martin, hat Le Pen im November sogar einen dreiseitigen Artikel über sich und ihre Positionen gewidmet. Man stelle sich einmal vor, wenn Holger Apfel oder Udo Voigt von der NPD, mit der die Front National wohl am vergleichbarste ist, jeden Tag zitiert werden würde und wenn man die Tagesschau anmacht eines dieser hässlichen Gesichter ansehen müsste.
Le Pen stößt mit ihren rassistischen und nationalistischen Parolen auf fruchtbaren Boden. Frankreich ist seit jeher eine durch und durch nationalistische Gesellschaft, die, meiner Meinung und Erfahrung nach, ungesund stolz auf ihre Sprache, Geschichte und Kultur ist und der größte Teil seiner Einwohner, ihr Land heute noch als Mittelpunkt der Erde ansehen. Der Führungsanspruch Deutschlands in der Eurokrise, die Aberkennung des “tripple A” Status sind ein Schock für das französische Nationalgefühl und wohl auch ein Stich ins Herz eines jeden stolzen Franzosens. In einer Umfrage, machen mehr als 2/3 den Präsidenten Nicola Sarkozy persönlich dafür verantwortlich, dass sie „ihr“ “triple A” verloren haben (vgl. SPIEGEL ONLINE, 2012). Aus dieser Sicht heraus, dass das Frankreich eigentlich eine große Nation sei, ist es leicht die Einwanderer zu den Schuldigen zu erklären, die die französische Nation in den Ruin getrieben haben.
Gleichzeitig setzt Marine Le Pen nicht auf alte Rezepte oder kommt altbackend, offen faschistisch und antisemitisch rüber wie ihr Vater es einst getan hat. Nein, sie schafft es ihre Islamophobie, ihren Rassismus und ihren Chauvinismus so zu verpacken, dass er modern und hip bei den Franzosen rüberkommt und ihnen scheinbar als Alternative plausible ist. Sie versteckt oder verschleiert ihre Absichten nicht, wie es die islamophoben Parteien in Deutschland versuchen, sondern sie äußert sie offen und kommt damit aber auch bei den Menschen an und schafft es in die französische Medien. Sie erreicht dabei dann auch nicht nur alte und patriotische Menschen, sondern vor allem junge und scheinbar moderne und intelligente französische Bürger. Sie ist auf Facebook und hat einen Channel auf Youtube und wenn man es ertragen kann, dann kann man auch ihre Tweets auf Twitter lesen. Sie begeistert die Menschen, spricht ihre Ängste an und gibt ihnen scheinbar Hoffnung, dass man auf Frankreich wieder stolz sein kann. So bezahlten ihre Anhänger sogar 10€, nur allein um sie zu hören und sie zu sehen (vgl. Le Monde Magazin, 2012).
Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen scheint gerade alles offen zu sein und man sollte auf jeden Fall mit Marine Le Pen rechnen. Denn während Nicolas Sarkozy gerade mächtig strauchelt und ihm die Aberkennung des “trible A” Status die Füße vom Boden gerissen hat, wird Francois Holland, der Kandidat der PS, nicht mal in seiner eigenen Partei wirklich ernst genommen. Beide gelten sie als Lachfiguren und Technokraten, über die im Fernsehen Witze gemacht werden und denen man die Restaurierung Frankreichs zur “Grande Nation” und schon gar nicht die Rettung Europas zutraut. Marine Le Pen stellt dagegen für viele eine seriöse Alternative dar, die viele Ängste und Sorgen der Franzosen anspricht und einfache Lösungen anbietet. Zwar wird sie in der Öffentlichkeit zumeist noch als Schmuddelkind behandelt aber auch dies hat sich deutlich geändert und wird sich in den nächsten Wochen und Monaten auch noch ändern. Die Frage, die sich in den nächsten Tagen stellt ist also, wie die UMP und Sarkozy agieren und reagieren und vor allem in wie fern wieder rassistische Stereotypen, wie in den letzten Jahren, von der Regierungspartei bedient werden.
Literatur:
Le Monde Online, (2012a), La sortie de l’euro alourdirait encore la dette de la France, 13.01.2012, http://www.lemonde.fr/election-presidentielle-2012/article/2012/01/13/la-sortie-de-l-euro-alourdirait-encore-la-dette-de-la-france_1629305_1471069.html, [15.01.2012 23:16], Paris, 2012.
Le Monde Online, (2012b), „Marine Le Pen prend pour cible les “intégristes” au nom de la laïcité“, 15.01.2012, http://www.lemonde.fr/election-presidentielle-2012/article/2012/01/15/marine-le-pen-prend-pour-cible-les-integristes-au-nom-de-la-laicite_1629953_1471069.html [15.01.2012 23:15], Paris, 2012.
Le Monde Magazin (2012), J’y étais… à la “galette présidentielle” de Marine Le Pen, http://www.lemonde.fr/m/article/2012/01/13/j-y-etais-a-la-galette-presidentielle-de-marine-le-pen_1628778_1575563.html, 8.Januar 2012, Paris, 2012.
Marinelepen2012.fr, (2012a), Politique etranger, http://www.marinelepen2012.fr/le-projet/politique-etrangere/politique-etrangere [15.01.2012 23:21], Nanterre, 2012.
Marinelepen2012.fr, (2012b), Refondation Republicaine – Laicite, http://www.marinelepen2012.fr/le-projet/refondation-republicaine/laicite [15.01.2012 23:25], Nanterre, 2012.
SPIEGEl ONLINE, (2012), Sarkozy bangt um seinen Job im Élysée, www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,809060,00.html [15.01.2012 23:28], Hamburg, 2012.






