Ich habe heute in der jungen Welt eine tolle Geschichte gefunden, die ich hier einfach dokumentieren muss. Geschrieben hat diese wunderbare Parabel auf den Kapitalismus der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell. Er erklärt darin, sehr lustig und intelligent und einfach, wie Kapitalismus funktioniert, fragt aber auch, warum er noch immer von allen praktiziert wird. Unbedingt lesen:
Nehmen wir an, dass gegenwärtig eine bestimmte Anzahl von Menschen mit der Herstellung von Nadeln beschäftigt ist. Sie machen so viele Nadeln, wie die Weltbevölkerung braucht, und arbeiten acht Stunden täglich.
Nun macht jemand eine Erfindung, die es ermöglicht, dass dieselbe Anzahl von Menschen doppelt so viele Nadeln herstellen kann.
Aber die Menschheit braucht nicht doppelt so viele Nadeln. Sie sind bereits so billig, daß kaum eine zusätzliche verkauft würde, wenn sie noch billiger würden.
In einer vernünftigen Welt würde jeder, der mit der Herstellung von Nadeln beschäftigt ist, jetzt eben vier statt acht Stunden täglich arbeiten, und alles ginge weiter wie zuvor. Aber in unserer realen Welt betrachtet man so etwas als demoralisierend. Die Nadelarbeiter arbeiten immer noch acht Stunden, es gibt zu viele Nadeln. Einige Nadelfabrikanten machen bankrott, und die Hälfte der Leute verliert ihren Arbeitsplatz. Es gibt jetzt, genau betrachtet, genauso viel Freizeit wie bei halber Arbeitszeit; denn jetzt hat die Hälfte der Leute überhaupt nichts mehr zu tun, und die andere überarbeitet sich.
Auf diese Weise ist sichergestellt, daß die unvermeidliche Freizeit Elend hervorruft, statt daß sie eine Quelle des Wohlbefindens werden kann. Kann man sich noch etwas Irrsinnigeres vorstellen?







Großartig! Und vor allen Dingen: Traurig, aber wahr. Besser kann man das Paradoxon des Kapitalismus, den Widerspruch von Profit und sozialer Gesellschaft, nicht beschreiben.
Gefällt mir. Die Parabel bringt das Problem gut auf den Punkt.
Ja, ich finde die Parabel auch super gut! Gleichzeitig stellt sie auch die Frage, warum wir trotzdem immer so weiter machen?
Habe den Text am vergangenen Donnerstag als Einleitung zu einem Vortrag im Rahmen der Marxistischen Abendschule (MASCH e. V.) unter dem Titel “Arbeitszeit verkürzen!” gehört. War sehr passend, man konnte dem Vortrag darauf aufbauend sehr gut folgend.
Auch wenn ich mich nicht mit dem liberalen Friedensaktivisten Russell identifizieren kann, so hat er mit diesem Vergleich doch sehr genau auf den Punkt gebracht, was das große Paradoxon im Kapitalismus ist.
Ja, das finde ich auch so gut an dieser Parabel. Es macht jedem kleinem Kind eigentlich deutlich, dass dieser Kapitalismus eigentlich nie gut und sozial sein kann, weil er strukturell schon assozial ist!