17.Juni 2013

Taksim ist überall!

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Türkei

“Her yer Taksim, her yer direniş” schallt es durch die gesamte Türkei! Taksim ist überall, überall ist Widerstand. Widerstand gegen die neoliberale und islamistische AKP, Widerstand gegen die immer weitere Erosion der Trennung zwischen Staat und Religion und Widerstand gegen eine Politik, welche eine neoliberale Umstrukturierung der Türkei und Istanbul anstrebt.

Der Konflikt, der nun zu solch großen Protestwellen führte, entzündete sich am geplanten Abriss des Gezi-Parks und wurde Stellvertreter für einen viel größeren und viel strukturelleren Konflikt. Die Frage, wie die Türkei in Zukunft aussehen und funktionieren soll wird gerade an diesem Konflikt verhandelt. Sollte er von der Opposition, welche sich von Linken, Studierenden und Kurden, bis hin zu Kemalisten und türkischen Nationalisten erstreckt verloren werden, so ist eine Demokratisierung in eine noch weitere Ferne gerückt.

Dennoch scheint es mir so, dass die Erfahrungen, welche auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park aber auch in der gesamten Türkei, in Ankara oder in Izmir gesammelt wurden, diese Generation prägen werden. Die Solidarität untereinander, die Pluralität sowie die Momente des kollektiven Widerstandes werden nicht so einfach mehr aus der Erinnerung gestrichen werden können. Vielmehr hat die Repression und der autoritäre Regierungsstil Erdogans die Widersprüche und Streitigkeiten zwischen den Demonstrierenden noch viel mehr verdeckt und zu Bildung einer gemeinsamen oppositionellen Identität geführt. Den Widerstand, den Erdogan durch die Räumung des Gezi-Parks nun provoziert hat, wird ein noch stärkerer und verdichteter sein, als zu Beginn der Proteste überhaupt zu denken war. Denn auch vor der Besetzung des Gezi-Parks, waren die Proteste in der Türkei lebendig und zahlreich, jedoch wurden sie nicht gehört und waren oftmals nicht aufeinander bezogen. Die Revolte im Gezi-Park wird dies ändern.

Gerade die internationale Solidarität, welche aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt für die Protestierenden artikuliert wurde, hat die Widerstandskraft der Menschen verstärkt. Ein Freund aus der Türkei schrieb mir: “We are so proud of you and your solidarity. Thanks a lot. We need your solidarity because it’s a weapon against Erdogan and his AKP”.

Auch in Marburg hat sich ein Solidaritätsbündnis unter dem Namen “Taksim ist überall” gegründet und hält derzeit aus Protest gegen die Gewalt in Istanbul und der Türkei den Rudolfsplatz besetzt. Ziel des Aktionsbündnis ist es, die Solidarität mit dem Taksim-Protest in Marburg besser zu organisieren und zu vernetzten sowie die Protest in der Türkei vermehrt auch lokal in der Presse zu positionieren. Auch ziehen sie Parallelen zwischen der neoliberalen Umstrukturierung Istanbuls mit der Umstrukturierung in Marburg, v.a. der Nordstadt.

Wie der Protest weitergehen wird, wird sich zeigen. Derzeit protestieren über 100.000 Menschen in Istanbul gegen die AKP-Regierung und die Gewerkschaften hatten heute zu einem Generalstreik aufgerufen.

13.Juni 2013

Veränderung

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Licht

Ich habe alte Weggefährten gefragt, ob sie für den Lahnblog nicht einen Artikel schreiben wollen. Als Erster hat mir Celle geantwortet und diesen sehr netten Beitrag geschrieben. Danke Celle!

“Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” -  Sokrates

Die Veränderung ist es, die den Menschen ausmacht. Mit der vergehenden Zeit scheinen wir Menschen und beständig zu ändern. Wir verändern uns an den Erfahrungen die wir machen und den Meinungen die wir erleben – und natürlich an den vielen Fehlern die wir machen.
Veränderung und Reflektion, könnte man sagen.

Nachdem ich meinen “Eröffnungsbeitrag” auf diesem Blog das erste Mal wieder gelesen habe (nach immerhin 5 Jahren!) war das für mich ein kurzer Augenblick der irritation. Jeder der schonmal vergangene Schriften seiner selbst gelesen hat wird das kennen, ob es ein Diktat, Prosa oder gar Tagebucheintrag oder so etwas ähnliches ist. Wenn dazwischen eine große Zeitspanne liegt dann treten die Veränderungen, für einen selbst, umso deutlicher hervor.
Aber ich will diesen Moment nutzen um zu reflektieren: Über die Zeit, über mich selbst und vor Allem auch über diesen Blog. Denn das ist ja auch der Anlass, sich hier wieder liturgisch auszulassen.
Continue reading

9.Juni 2013

5 Jahre Lahnblog

Posted on 3 Kommentare

Geburtstag by Flickr (unter CC-Lizenz bei  Astrid Kopp

Oh, jetzt habe ich mein eigenes Jubiläum doch glatt vergessen. Zu viel Bachelorarbeits- und Masterbewerbungsstress. Aber jetzt, nach dem die Bachelorarbeit in ihrer Rohversion fertig ist (Juhu!) habe ich wieder ein bisschen Zeit, mich um den Lahnblog zu kümmern. Darum hier der verspätete Eintrag zum 5jährigen Jubiläum des Lahnblogs.

Schaut man in das Archiv, dann sieht man, dass auf dem Lahnblog am 27.Mai 2009 der ersten Artikel gepostet wurde. Damals noch unter dem Namen “Krisenblog” und unter dem Eindruck der über Europa und die Europäische Union hineinbrechende Krise, hatten damals drei kritische Zivildienstleistende und Studierende einen Blog ins Internet gestellt. Der Blog sollte damals vermeintlich seriös wirken und die Schrecklichkeiten der Krise sowie den weiteren Verlauf der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfe dokumentieren und kommentieren. Dabei bezog sich der erste Eintrag damals ganz klar auf ein befreundetes Blogprojekt (et-jeht-so.de), welches aufgrund ihrer hedonistischen und wenig politischen Ausrichtung kritisiert wurde. Das befreundete Blogprojekt existiert heute nicht mehr. Leider zerbrach auch relativ schnell nach der Eröffnung des Blogprojekts auch das Redaktionsteam des Krisenblogs und so wurde er schon am 22.September 2009 in den Lahnblog umbenannt. Grund für diesen Namen war mein Umzug nach Marburg, das ja bekanntermaßen an dem schönen kleinen idyllischen Fluss Lahn liegt. Seitdem schreibe ich über alles was mir so einfällt, was mich bewegt, interessiert aber auch, was mich in meinem Studium beschäftigt. Das Thema Krise ist jedoch weiterhin mein Schwerpunkt geblieben, was wohl aber auch viel mit meinen Studium zu tun hat.

Fünf Jahre Lahnblog heißt daher auch fünf Jahre Krise des Kapitalismus. Was als Finanzkrise begann, wandelte sich schnell zu einer Staatsschuldenkrise und zu einer Krise des Euros. Ich habe immer versucht auf dem Blog die aktuellen Ereignisse in Sachen Krisen zu kommentieren, daher ist es für mich schon sehr verwunderlich, dass insgesamt nur 34 Artikel unter dem Schlagwort “Krise” abgelegt sind. Dennoch ist es das am meist benutzte Schlagwort meines Blogs, noch vor Kapitalismus (24) und Zitat (20) und EU (15). Aber vielleicht war ich in den letzten fünf Jahren auch kein allzu fleißiger Schreiber. Immerhin sind in den fünf Jahren nur 294 Artikel veröffentlicht worden, wovon nicht alle von mir stammen. Denn Celle wie auch Martin hatten in der Anfangszeit dieses Blogs auch zwei bis drei Artikel geschrieben. Nun ja, ich gelobe Besserung, auch wenn ich es nicht versprechen kann.

Interessant sind vielleicht noch die Suchanfragen die uns erreichten und welche seit unserem Start doch hin und wieder kurios erscheinen. Leider kann ich nicht mehr auf alle Daten der letzten fünf Jahre zugreifen, doch auch schon die der letzten 12 Monate sind interessant. So drehen sich die meisten Suchanfragen um den Austritt aus der SPD. Nimmt man alle Suchanfragen zu diesem Thema zusammen (d.h. “spd austritt”, “austritt spd”, “aus der spd austreten”, “austritt aus der spd”, “spd austreten”, “spd austrittserklärung”, “spd austritt forumlar”), so kommt man insgesamt auf 289 Suchanfragen. Abgeschlagen auf Platz zwei kommen mit 140 Suchanfragen die “besten Lieder 2010″ und noch weiter unten auf Platz drei mit 50 Suchanfragen das neue Buch von Ditmar Dath, “der Implex”. Beim näheren Betrachten der Suchanfragen, lässt sich schon konstantieren, dass die SPD ein wirklich starkes Mitgliederproblem hat. Die ehemals größte Partei Europas scheint nicht viele GenossInnen auf ihrem “dritten Weg” mitgenommen zu haben.
Sehr amüsante Suchanfragen gibt es neben “kommunismus” (20) und “Marburg Blog” (35) aber auch. So wurde mein Blog schon mehrmals mit der Suchanfragen “nackte Elena” gefunden, wobei sich der oder die Suchende vom Ergebnis wohl enttäuscht zeigen musste. Denn statt von einer nackten Elena, berichtete mein Blogeintrag von der Einrichtung des neuen Elektronischer Entgeldnachweis ELENA. Mhm Pech gehabt. Wer aber bei Google “eine linke Hausarbeit”, der wurde fündig, immerhin hatte ich meine Hausarbeit zu Nikos Poulantzas komplett und frei zugänglich auf meinen Blog gestellt.

So, dass waren jetzt fünf Jahre auf dem Lahnblog und ich beabsichtige, auch noch mindestens fünf weitere Jahre hier weiter publikativ tätig zu bleiben. Ich kann nicht versprechen, jährlich einhundert Artikel zu schreiben (das lässt mein Zeitmanagement allein schon nicht zu), jedoch kann ich versprechen, diesen Blog weiter zu betreiben. Auf die nächsten fünf Jahre! Prost!

23.Mai 2013

Wer hat uns verraten?

Posted on 1 Kommentar

Heute feiert die SPD ihren 150. Geburtstag mit einer aufwendigen Lichtshow und geladenen Gästen. Francois Hollande hat eine Rede gehalten und auch Iris Berben und der Siggi Gabriel haben es sich nicht nehmen lassen ein paar Worte zu diesem gewaltigen Geburtstag zu sagen. Die ganze Geburtstagsparty der SPD war eine einzige Wahlkampfshow und hatte letztendlich wenig mit den Wurzeln dieser Partei zu tun. Denn vor 150 Jahren, am 23.Mai 1863 haben mutige Menschen, mit dem ADAV die erste deutsche organisierte Arbeiterpartei aus der Taufe gehoben und damit letztendlich weniger die SPD und mehr die organisierte Arbeiterbewegung gegründet.

Daher ist es eigentlich als Anmaßung zu betrachten, wenn sich diese trostlose Partei, welche Kriegskredite für den 1.Weltkrieg zugestimmt, Kommunisten verraten und erschießen lassen hat, welche die NATO toll findet und Atomkraftgegner als Terroristen beschimpft sowie für die größten und schärfsten Sozialkürzungen der Bundesrepublik verantwortlich sind; das diese Partei sich heute auf die Gründung der ADAV bezieht. Es wäre sinnvoller gewesen, wenn die LINKE heute ihren 150. Geburtstag gefeiert hätte aber nicht diese Partei der Kriegsbefürworter und Sozialkürzer. Diese Partei, die schon seit mindestens 100 Jahren Mist baut und seitdem auch nicht mehr die ArbeiterInnen und Prekären dieses Landes vertritt, sondern zum Auffangbecken für Karrieristen aller Couleur geworden ist.

Das nun ein Mensch wie Peer Steinbrück der Bundeskanzlerkandidat der SPD ist, sagt dabei mehr über die SPD als über Peer Steinbrück aus. Er ist das Gesicht einer Partei, die schon lange ihre Daseinsberechtigung verloren hat. Eine CDU-Light ist genauso überflüssig wie eine SPD des “dritten Weges”. Den Platz, den sie mal hatte und nicht mehr will, nimmt jetzt DIE LINKE ein, auch wenn es bisher viele noch nicht wahr haben möchten. Bernd Rixinger, der Vorsitzende der Partei DIE LINKE hat es sehr gut formuliert und heute im Tagesspiegel geschrieben:

Wir werden der SPD am 23. Mai höflich gratulieren. Aber die wirkliche Feier findet eine Woche später in Frankfurter Bankenviertel statt. Dort demonstrieren einmal mehr Zehntausende unter dem Slogan Blockupy dagegen, dass den kleinen Leuten die Kosten der Euro-Krise aufgebürdet werden. Dort wird es lebendiger sein. Das Durchschnittsalter wird niedriger sein. Es wird keine Sonntagsreden älterer Herren geben. Dafür wird es laut und bunt, und alle, die dabei sind, wissen, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte demonstrieren.

Bebel, Haase und Liebknecht wären vielleicht in Leipzig, aber ganz sicher aber in Frankfurt dabei, und wenn sie in einer Partei wären, dann wäre es die Linke.


Recht hat er! und jetzt alle: Wer hat uns verraten…

18.Mai 2013

Sparen für die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kapitals

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Autoritäre Austeritätspolitik in der Eurokrise

Anbei dokumentiere ich hier einen Artikel aus der aktuellen ak von Niko und mir.

Als am 15.03.2013 die europäischen Staats- und Regierungschefs nach einem zweitägigen Gipfel in Brüssel vor die Presse traten, hatten sie wenig zu verkünden. Keine konkreten Beschlüsse und auch keine neuen Vereinbarungen Hinter den verschlossenen Türen wurde jedoch über den Pakt für Wettbewerbsfähigkeit verhandelt, dessen Grundzüge die deutsche Kanzlerin schon auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos skizziert hatte. Dieser soll nach den Wünschen der deutschen Bun-desregierung, ähnlich wie der Fiskalpakt, abseits des europäischen Rechts als völkerrechtlicher Ver-trag zwischen den Mitgliedsländern und der Europäischen Kommission geschlossen werden. Darin sollen sich die Mitgliedsländer verpflichten, bestimmte Elemente ihrer Volkswirtschaften anzupas-sen oder umzubauen, d.h. Strukturreformen in Bereichen durchzuführen, die „nicht dem notwen-digen Stand der Wettbewerbsfähigkeit entsprechen“. Hier wird es sich dann hauptsächlich „um Dinge wie Lohnzusatzkosten, Lohnstückkosten, Forschungsausgaben, Infrastrukturen und Effizienz der Verwaltungen gehen“, wie Angela Merkel in Davos erklärte. Der Pakt für Wettbewerbsfähig-keit ist der bisher letzte Baustein auf europäischer Ebene, mit dem der neoliberale Drei-klang aus Liberalisierung, Privatisierung und Sozialabbau europaweit (wo nötig autoritär) als zentrale Krisen-lösungsstrategie der EU institutionell verankert werden soll.
Krisen des Kapitalismus
Continue reading

13.Mai 2013

Eine Tabelle

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Hier mal eine Tabelle, welche im Zuge meiner Bachelorarbeit (ja, das ist der Grund, weshalb ich so wenig gebloggt habe in der letzten Zeit) entstanden ist. Sie zeigt den Anstieg der Staatsschuldenquote (Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP) in den einzelnen Ländern des BIP. Dabei wird deutlich, dass die Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise der Hauptverursacher der sogenannten Staatsschuldenkrise war. Vor allem bei Spanien wird sehr deutlich, wie sehr die Bankenrettung zu einem Schuldendesaster führte.
Staatsverschuldung seit 2005

28.März 2013

Hype

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Ich bin heute den ganzen Tag durch Berlin gelaufen, u.a. auch durch die hippen Viertel in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Und ganz ehrlich, mich nervt dieser ganze Hype, der gerade um meine Muddastadt gemacht wird. Euch allen rufe ich euch zu: Berlin ist auch nur eine Stadt!
Berlin-nervt

27.März 2013

Nix gelernt

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Das die deutsche Bundeskanzlerin aus der Krise nicht wirklich etwas gelernt hat und das sie bis heute nicht erkannt hat, wo die Wurzeln dieser multiplen Krise liegen, kann man sehr gut an ihrer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 24.1.2013 erkennen. Da es mich so sehr beeindruckt hat, mit welcher Vehements die deutsche Kanzlerin die Worte “Wettbewerbsfähigkeit” und “Strukturreformen” verteidigte, möchte ich hier kurz ein paar Ausschnitte aus ihrer Rede dokumentieren. Die vollständige Rede findet ihr hier oder als Video hier.

“Wir wollen in Europa – und darüber sind wir uns in der Europäischen Union auch einig – die Wirtschafts- und Währungsunion zu einer Stabilitätsunion fortentwickeln. Das ist das Gegenteil von einer kurzfristigen Notoperation. Es ist vielmehr ein dauerhaft angelegter Weg – ein Weg, dessen Leitplanken Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit auf der einen Seite und Konsolidierung der Staatsfinanzen auf der anderen Seite sind.”

Auf der anderen Seite ist die politische Erfahrung, dass für politische Strukturreformen oft Druck gebraucht wird. Zum Beispiel war auch in Deutschland die Arbeitslosigkeit auf eine Zahl von fünf Millionen Arbeitslosen angestiegen, bevor die Bereitschaft vorhanden war, Strukturreformen durchzusetzen. Meine Schlussfolgerung ist also: Wenn Europa heute in einer schwierigen Situation ist, müssen wir heute Strukturreformen durchführen, damit wir morgen besser leben können.

Was uns aber noch fehlt – und daran müssen wir in diesem Jahr 2013 arbeiten –, ist eine Antwort auf die Frage: Wie können wir sicherstellen, dass wir in den nächsten Jahren auch eine Kohärenz in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der gemeinsamen Währungsunion erreichen? Und damit meine ich nicht eine Kohärenz in der Wettbewerbsfähigkeit irgendwo im Mittelmaß der europäischen Länder, sondern eine Wettbewerbsfähigkeit, die sich daran bemisst, ob sie uns Zugang zu globalen Märkten ermöglicht. Denn die Staaten des Euroraums können natürlich nur dann wachsen, wenn sie auch Produkte anbieten, die global verkäuflich sind. Deshalb ist das Thema Wettbewerbsfähigkeit so wichtig.

[...] analog zum Fiskalpakt einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit beschließen, in dem die Nationalstaaten Abkommen und Verträge mit der EU-Kommission schließen, in denen sie sich jeweils verpflichten, Elemente der Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, die in diesen Ländern noch nicht dem notwendigen Stand der Wettbewerbsfähigkeit entsprechen. Dabei wird es oft um Dinge wie Lohnzusatzkosten, Lohnstückkosten, Forschungsausgaben, Infrastrukturen und Effizienz der Verwaltungen gehen – also um Dinge, die in nationaler Hoheit der Mitgliedstaaten der Europäischen Union liegen. Das heißt also, die nationalen Parlamente müssten solche Verträge legitimieren. Diese Verträge müssen dann verbindlich sein, sodass wir feststellen können, inwieweit sich im Euroraum die Wettbewerbsfähigkeit verbessert.

Wie muss der europäische Binnenmarkt gestaltet sein, damit er ein wirklich wichtiger Spieler auf den Weltmärkten sein kann? Das heißt, wir dürfen unseren europäischen Binnenmarkt nicht nur aus der internen europäischen Perspektive anschauen, sondern wir müssen vor allen Dingen dafür Sorge tragen, dass wir in Europa Unternehmen haben, die als schlagkräftige Akteure auch weltweit agieren können. Auch da muss sich die Betrachtungsweise innerhalb der Europäischen Union und der Europäischen Kommission sicherlich noch besser den globalen Herausforderungen anpassen.

[..]das Thema Wettbewerbsfähigkeit ein zentrales Thema für den Wohlstand Europas in der Zukunft. Deshalb reden wir in diesen Jahren nicht nur über die Frage, ob Investoren, die in Staatsanleihen oder Unternehmen Europas investieren wollen, die Sicherheit und das Vertrauen haben, dass sie eine gute Investition tätigen. Vielmehr haben wir aus europäischer Sicht auch den Anspruch, so wettbewerbsfähig zu werden, dass wir unseren Wohlstand erhalten und weiterentwickeln können. [...]Da haben wir noch nicht den Zustand erreicht, an dem man Entwarnung geben kann. Aber es ist sehr viel in Europa passiert.

Wir haben alles getan, um den Binnenkonsum zu erhöhen. Aber wenn man uns vorwirft, dass es immer noch Ungleichgewichte gibt, dann muss man aufpassen, worauf diese Ungleichgewichte zurückzuführen sind. Wenn wir uns in Europa bei den Lohnstückkosten genau in der Mitte treffen würden, beim Durchschnitt aller europäischen Länder, dann würde ganz Europa nicht mehr wettbewerbsfähig sein und Deutschland nicht mehr exportieren können. Das kann nicht das Ziel unserer Bemühungen sein. Deshalb sind Überschüsse in den Leistungsbilanzen zum Teil natürlich auch Ausdruck einer guten Wettbewerbsfähigkeit. Und diese dürfen wir auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen.

Na dann! Viel Spaß in der Zukunft!

26.März 2013

Die besten Bücher über…

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

… Antonio Gramsci

GramsciDa ich mich derzeit wieder sehr intensiv mit der Lektüre der Gefängnisheften von Antonio Gramsci witme und dazu oftmals auch Sekundärliteratur heranziehe, habe ich mir gerade gedacht: Mensch, wahrscheinlich setzten sich auch noch andere Menschen mit Gramsci auseinander und würden sich freuen, wenn ich mal die, aus meiner Sicht natürlich, besten Bücher über Gramsci hier aufführe. Daher hier meine kleine Liste der drei besten Bücher über die Theorie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci:

Nr.1) Perry Anderson: Gramsci. Eine kritische Würdigung, 1979, 112 Seiten
Dieses Buch ist wirklich das Beste, was man über Gramsci finden kann. Es setzt sich kritisch mit der Theorie von Gramsci auseinander, benennt Blindstellen und macht auf Probleme aufmerksam. Gleichzeitig bekommt man einen sehr guten Überblick über die Vorgeschichte des Hegemoniebegriffes und seine Entwicklungen. So wird deutlich, dass der Hegemoniebegriff aus den Debatten zwischen den Ökonomisten Eduart Bernstein und Rosa Luxemburg entstanden sind und dann von der russischen Sozialdemokratie über Lenin zu Gramsci gelangt sind. Also ein sehr interessantes und informatives Buch, was in keiner Arbeit über Gramsci fehlen sollte. Leider ist das Buch nur noch antiquarisch zu erhalten und das nicht immer günstig. Leider.

Nr. 2) Benjamin Opratko: Hegemonie, 2012, 220 Seiten, 19,90€
Benjamin Opratko gibt in diesem Buch eine sehr leicht verständliche Einführung in den Hegemoniebegriff und seine Entwicklung nach Gramsci. Dabei wird die Theorie von Antonio Gramsci im ersten Drittel sehr gut und verständlich erklärt und man bekommt einen Einblick wie wirkungsstark die theoretischen Konzeptionen von Gramsci sind. Der Bogen den Opratko dabei spannt ist sehr weit und geht von Gramsci über die neogramscianische Perspektive in der Internationalen Politischen Ökonomie zu poststrukturalistischen Theorie von Laclau und Mouffe bis zur postkolonialen Theorien. Der Teil über Gramsci ist dabei sehr klar und spannend, auch weil der Autor immer wieder auf Kritik und Schwachpunkte in der gramscianischen Theorie eingeht. Ein wunderbares Buch, was in Verbindung mit dem Buch von Perry Anderson fast alles abdeckt, was über den Hegemoniebegriff bzw. in Anlehnung an diesen, geschrieben wurde. Also eine wunderbare Übersicht und sehr sehr zu empfehlen.

Nr. 3) Sonja Buckel, Andreas Fischer-Lescano: Hegemonie gepanzert mit Zwang, 2007, 210 Seiten, 29€
Dieser Sammelband ist in seiner Gliederung wirklich sehr gut aufgebaut. So ist das Buch in drei Teile gegliedert, die jeweils einen bestimmten Aspekt der gramscianischen Theorie betrachten: Staat, Recht, Transnationalisierung des Staates. Dabei gibt es einen ersten Beitrag von Alex Demirovic, der einen einführenden Charakter hat, während sich alle anderen Artikel mit der Weiterentwicklung der gramscianischen Theorie befassen. Die Artikel sind alle sehr kompliziert geschrieben und einigen sich leider nur für Menschen, die Vorkenntnisse zur Gramsci besitzen. Jedoch gibt der Sammelband einen Einblick in welch unterschiedlichen akademischen Disziplinen mit der Theorie von Gramsci gearbeitet wird und in wie fern er in den letzten Jahrzehnten eine Weiterentwicklung erfahren hat. Guter Band aber leider ohne Vorkenntnisse unverständlich.

21.März 2013

Das zypriotische Drama

Posted on Hinterlasse einen Kommentar

Licht

Licht am Ende des Tunnels? CC-Lizenz von Berndbalu

Da haben wir nun den Salat liebe EU. Das zypriotische Parlament hat die Vorschläge der Eurogruppe zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise in Zypern, welche eine Zwangsabgabe der BankkundInnen mitgebracht hätte abgelehnt und somit ein klares Zeichen gegen den Austeritätskurs der Troika gesetzt: “Nein wir wollen uns nicht in einen Würgegriff nehmen lassen – Wir wollen nicht so Enden wie Griechenland”. Die Botschaft ist also klar und deutlich und sollte in der EU zum Umdenken für weitere Schritte führen. Das diese klare Botschaft wohl noch nicht bei den europäischen Eliten angekommen ist, zeigt nun die Reaktion der EZB, welche Zypern ein Ultimatum setzte.

Die europäischen Eliten sollten sich daher nicht wundern, dass ein solch politischer Druck eher das Gegenteil von dem Gewünschten bewirkt: Sie treibt das betroffene Land in die Hände von scheinbar freundlichen Geldgebern, die die Probleme des Landes nicht lösen, sondern nur von ihnen profitieren wollen. Dass Zypern sich jetzt Russland nähert und hofft mit russischem Geld den Klauen der europäischen Austeritätspolitik zu entkommen ist daher kein Zufall sondern vielmehr Logik. 29% aller Direktinvestitionen in Zypern kommen aus Russland, Russische Millionäre lieben das Steuerparadies Zypern und außerdem ist die geteilte Insel der ideale Militärstützpunkt für Russland, sollte bald der Stützpunkt in Syrien wegbrechen.

Anstatt nach dem Debakel der europäischen Rettungspolitik ein Umdenken einzuleiten und ggf. die bisherigen Maßnahmen zu verwerfen, tritt nun die EZB mit vollem Selbstbewusstsein an Zypern heran und formuliert ein Ultimatum: “Ohne Rettungspakete auch kein weiteres Geld für eure kaputten Banken”. Das es genau diese Politik ist, die die Eurozone in ihrer Existenz bedroht, das es genau diese Politik ist, welche die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandertreibt und das genau diese Politik es ist, welche das Projekt Europa am Ende wieder zu einer Utopie werden lässt, verstehen die herrschenden Eliten in Europa nicht. Es ist jedoch spätestens jetzt die Zeit umzudenken!