Die brennenden Autos

Da in letzter Zeit die Debatte um die brennenden Autos in Berlin hochgekocht sind und manche Politiker_Innen im Rot-Roten Senat zu Berlin schon von “Rotfaschisten” sprechen und damit die 6 Millionen Opfern der menschenverachtenden Vernichtungpolitik verhöhen, möchte ich hier einen Beitrag von Michael Kronawitter von der Antifaschistischen Linken Berlin zu diesem Thema dokumentieren. Der Artikel ist in einer Serie von Artikeln in der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland vom 29.01.2010 veröffentlicht worden.

Klammheimliche Freunde

von Michael Kronawitter

Ein Blick in die Armuts- und Reichtumsberichte genügt: Egal wer regiert, sicher ist nur eines: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Zu stören scheint dies kaum jemand, jedenfalls nicht die politischen und ökonomischen Eliten. Ein Effekt dieser Entwicklung ist die Vertreibung von Armen aus Innenstadtbezirken, während der Berliner Senat Townhouses und eigentumsorientierte Baugruppen fördert und öffentliche Wohnungen privatisiert. Gesellschaftlichen Aufschrei gibt es kaum: vereinzelt kritische akademische Expertise oder noch seltener Protest von Betroffenen. Von politischer Gegenwehr keine Spur.

Jetzt brennen Autos, vorwiegend Luxuswagen. Erklären kann man das schon: Ein durchschnittlich ausgestatteter Porsche Cayenne kostet 130 000 Euro. Einer ALG-II-Bezieherin werden im Regelsatz für »Mobilität« monatlich 14,26 Euro zugestanden. Wenn sie diese Pauschale nun anspart, um sich einen derartigen fahrbaren Untersatz zu kaufen, müsste sie dies 760 Jahre lang tun. Der Erlebensfall ist also ausgeschlossen. Eigentlich stellt sich doch bei rationaler Betrachtung viel eher die Frage, warum unter diesen Umständen solche Autoträume – abgeparkt inmitten der mit »Unterschicht« durchmischten Wohnviertel – nicht viel öfter in Rauch aufgehen.

Die Bildung von »gated communities«, überwachten Wohnvierteln für die Oberschicht, könnte Abhilfe schaffen. In den neuen Slums am Stadtrand, die französischen Banlieues lassen grüßen, kann sich die Unterschicht dann gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Der neoliberale Kapitalismus durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft. Die Symbole der ungerechten Folgen dieses Systems sind überall sichtbar, mittendrin in den Kiezen. Es geht nicht um die subjektive Verantwortung des Besitzers eines »Sport Utility Vehicle«. Er ist nicht verantwortlich für Demütigung und Ausbeutung, für Zwangsräumung, Mord und Totschlag. Es muss auch nicht nach der persönlichen Beteiligung der Profiteure der kapitalistischen Durchdringung und Zurichtung gefragt werden. Es ist einfach der elende Zustand der Gesellschaft: Symbolisch stehen mit einem Porsche Cayenne neben dem armen Schlucker knapp acht Jahrhunderte Abstand zum guten Leben – abgeparkt am Straßenrand.

Der Hysterie bei den Medienschaffenden und dem Fahndungseifer von Staatsanwälten und Polizei steht in der weniger privilegierten Bevölkerung relativ viel Verständnis für die »Hassbrenner« entgegen. Es sind nicht nur linksradikale Jugendliche, die sich klammheimlich freuen, wenn an der Ecke im eigenen Kiez wieder eine Nobelkarosse gebrannt hat. Der Druck steigender Mieten, die Unsicherheit des Arbeitsplatzes oder schon die alltägliche Drangsalierung des Jobcenters sitzen nicht nur Politaktivistinnen im Nacken. Daran ändert auch nichts, wenn der eine oder andere Versicherungsbetrug mitbegangen oder der Nachbarschaftsstreit mit Grillanzündern gelöst wird.

Strafrechtlich handelt es sich um Sachbeschädigung. Rechtsstaatliche Sanktionen sind hierfür vorgesehen. Allerdings scheinen bei der Verfolgung dieser Taten alle rechtsstaatlichen Prinzipien über Bord geworfen: Schon die Zugehörigkeit zu einem linken Milieu oder zu einer niedrigen Einkommensklasse, die passende ethische Gesinnung sowie die räumliche Nähe zu Tatorten reichen als Indiz für Untersuchungshaft bis zu sechs Monaten. Unterschicht plus linke Weltanschauung gleich vogelfrei. Nicht nur Boulevardmedien folgen dieser Formel mit hetzerischer Vorverurteilung. So werden durch Grillanzünder schon mögliche Tote und dahinterstehende Terrororganisationen herbeihalluziniert, während im realen Afghanistan ein deutscher Oberst als Mitglied der Leistungsgesellschaft 142 Menschen en passant »vernichtet«.

Die Linke ist gut beraten, wenn sie sich auf Ursachen und Hintergründe von Protestaktionen konzentriert: Sie sollte soziale Ungleichheit bekämpfen und an der Gestaltung einer sozial gerechten und solidarischen Gesellschaft arbeiten. Ob brennende Luxuswagen diesem Anliegen schaden, wird die Zukunft beantworten.

Dr. Michael Kronawitter, Jahrgang 1968, arbeitet als Arzt in Berlin-Kreuzberg. Er ist in der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) und anderen außerparlamentarischen Initiativen aktiv. In der LINKEN ist Michael Kronawitter Mitglied der Parteiströmung Antikapitalistischen Linke (AKL)