Bloggen um des bloggen Willens?

Manchmal frage ich mich schon, weshalb ich eigentlich blogge. Letztens, kurz bevor ich ins Bett gehen wollte, da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich dazu veranlasst hier diesen Blogartikel zu schreiben. Inspiriert wurde dieser Gedanke wahrscheinlich durch den Artikel von Moritz, in dem er über Menschen schrieb, die unter schlimmen Bedingungen und immer mit der Angst im Nacken, für mehrere Jahrzehnte eingesperrt zu werden, für Freiheit und Menschenrechte bloggen.
Warum fragte ich mich also, warum bloggst du? Du hast so viel um die Ohren, musst dieses Semester 5 Hausarbeiten schreiben, was mindestens 100 Seiten werden, wenn nicht sogar deutlich mehr. Warum dann auch noch Texte für den Blog schreiben, warum ihn betreuen, warten und manchmal ihn auch verändern. Gleichzeitig fragte ich mich, was wohl jedem Linken irgendwann einmal passiert, wozu mache ich das eigentlich alles? Ich erreiche ja eh kaum Menschen und diejenigen, die ich erreiche sind meistens Freund_Innen oder Menschen, die eh schon von der “Philosophie der Praxis” mit Gramsci gesprochen, überzeugt sind.

Nach einigem Nachdenken kam ich dann zu Schluss, dass ich genau das mache, was diejenigen, die für Freiheit bloggen, erreichen wollen. Sie wollen ohne Angst, weil sie Spaß daran haben oder auch einfach mal Kritik und ihre eigene Meinung loswerden wollen, einfach alles aufschreiben und das auch veröffentlichen können. Auch wenn dies jetzt auf den ersten Blick so klingt, als wenn ich die Meinung vertrete, das Deutschland bzw. die europäische Gesellschaft super frei ist, sehe ich hier auch tiefe Verletzungen der Meinungs-und Publikationsfreiheit. Aber nichts desto trotz DARF man hier fast alles veröffentlichen, was man will. Ich kann schreiben, dass Angela Merkel doof ist und dass ich die CDU verbieten würde. Ich darf dies öffentlich sogar fordern und dazu aufrufen. Dennoch bin ich mir im Klaren, dass ich bestimmte Grenzen nicht überschreiten darf, weil sonst der Verfassungsschutz vor meiner Tür steht oder die Polizei mich abtransportiert. Aber so ist dies nun mal im historischen Block der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie. Hegemonie gepanzert mit Zwang.

Die Aufgabe eines Linken in dieser Gesellschaft ist es also für seine Idee und sein Projekt von einer radikalen Demokratie, die nach Ernsto Laclau den Sozialismus als Gesellschaftsordnung inkludiert, um Hegemonie zu ringen. Dies schließt theoretisch wie auch praktisch aus, eine autoritäre Politik zu verfolgen, die nämlich alles andere als links und progressiv wäre. Eine linke Politik zu betreiben, heißt also systematisch auf eine linke radikale Transformation der Gesellschaft hinzuarbeiten. Nach Gramsci sind Intellektuelle diejenigen, die, egal auf welcher Ebene der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, um Hegemonie kämpfen. Hegemonie, das bedeutet Konsens in der Ausübung von Politik und politischen Praxen. Der Kampf für den Sozialismus und der radikalen Demokratie ist ein solches Projekt, wofür Intellektuelle auf den Ebenen des gesellschaftlichen Diskurses um Hegemonie kämpfen müssen. Ich sehe mich daher als ein organischer Intellektueller im gramscianischen Sinne, der mit diesem Blog einen kleinen Teil dazu beiträgt diesen Kampf für eine radikale Demokratie zu führen und die herrschende Ideologie des historischen Blocks zu kritisieren, bei der gleichzeitigen Bewahrung der liberal-demokratischen Rechte.
Oder wie es Ernest Laclau und Chantal Mouffe so schön formulierten:

“Die Aufgabe der Linken kann demnach nicht darin liegen, auf die liberal-demokratische Ideologie zu verzichten, sondern hat sie im Gegenteil in Richtung auf eine radikale und plurale Demokratie zu vertiefen und auszuweiten” (Laclau in Hegemonie und radikale Demokratie, S.219)

Die neuen Alphamädchen?

Der neue Job von vielen meiner Kommilitoninnen, scheint die Prostitution zu sein. Jedenfalls kann man dies glauben, wenn man derzeit in einen Buchladen geht und sich die Bücher unter der Rubrik Belletristik anschaut. Dort stehen in letzter Zeit immer mehr Bücher in den Regalen, wo Studentinnen über ihren Job als “Teilzeithure” schreiben, der Bafög und Mamas Überweisungen alt auslassen soll, wie der Unispiegel in seiner neusten Ausgabe berichtete. Das Feuilleton jubelt diese Art von Literatur, wie schon der Ekelroman von Charlotte Roche als eine neue Art des Feminismus hoch, übersieht jedoch, dass diese Geschichten alles andere als feministisch oder emanzipatorisch sind noch das sie mit einem Tabu brechen. Aber beginnen wir am Anfang:

Angefangen in Frankreich

Der erste Roman dieser Rubrik erschien im Frühjahr 2008, wo eine französische Studentin in ihre autobiographischen Roman “Laura D. – Mein teures Studium: Studentin, 19 Jahre Nebenjob: Prostituierte” über Studentenarmut und die Verlockung des schnellen Geldes schrieb. In ihrem Roman schreibt sie, wie sie nach der Immatrikulation an einer Pariser Universität immer größere Geldprobleme bekommen hat und sich irgendwann auf eine Anzeige im Internet meldet, wo ein “junggebliebener Fünfzigjähriger" nach "gelegentlicher Masseuse, gerne Studentin" sucht. Sie schmeißt für den Stundenlohn von 250€ ihren Job in einem Call-Center und fängt an ihren Körper aber auch ihre Seele zu verkaufen. Laura D. schafft es in diesem Roman die gesellschaftspolitische Relevanz von Studentenarmut zu thematisieren und die Scheußlichkeit von Prostitution und deren Auswirkungen auf Körper und Seele zu beschreiben und eine Diskussion über rund 40 000 französische Studentinnen zu entfachen, die Frankreich als Prostituierte arbeiten

Kopien auf dem deutschen Markt

Was erfolgreich ist, dass kann auch kopiert werden, dachten sich die deutschen Verlage und werfen nun massenweise an “Studentin-und-Prostituierte”-Romane auf den Buchmarkt. Ob “Fucking Berlin” von Sonia Rossi oder “33 Männer in 33 Nächten”  von Tina Schneider kopieren alle mehr oder weniger aber vor allem deutlich schlechter, dröger und unkritischer die Geschichte von “Laura D.”. Die Kritik an den Gesellschaftsverhältnissen,  scheint beim Import nach Deutschland irgendwo verloren gegangen zu sein, genau wie Spannung und schriftstellerische Qualität. So schreibt die 20 jährige Sonia Rossi, dass ihr dieser Nebenjob “viel Spaß” gemacht habe und sie “so eine Arbeitsstelle […] nie wieder finden werde”. Gleichzeitig ist die Geschichte einfach nur langweilig, wirkt mehr oder weniger endlos zu sein und scheint eher Menschen anzusprechen, die einen zwei-zeiligen Satz nicht mehr verstehen würden.

Und was hat das mit Feminismus zu tun?

Das frage ich mich auch. Diese Bücher würden wahrscheinlich als billige Schmuddelpornos über die Ladentheke gehen, wenn sie nicht von Studentinnen geschrieben worden wären. Die Mischung aus Prostitution und Intelligenz, aus Studentin und Sex scheint das schmuddelige abzustreifen und etwas Verruchtes zu erzeugen. Die Vorlage von Charlotte Roche, die ihr Buch “Feuchtgebiete” selbst als feministisch promotete, schien für das nationale Feuilleton zu erfolgreich gewesen zu sein, als das man nun diesen Unimädchenreport ignorieren könnte. Jedoch sind diese Bücher alles andere als feministisch! Sie reproduzieren erfolgreich Geschlechterstereotypen und propagieren mehr oder weniger die Unterwerfung unter den Mann für ein paar Euro. Gerade die deutschen Romane sind nicht einmal gesellschaftskritisch, sondern könnten gut und gerne in die Rubrik “Sex Sells” eingeordnet werden. Prostitution ist meistens nicht freiwillig und gerade als Studentin müsste man so viel Stolz haben, sich nicht als Ware anbieten zu müssen. Diese Bücher unterstützen die geheimen Phantasien von pubertierenden Schuljungen oder die der alternden Männer, von einer Studentin, die sich freiwillig und mit Spaß an der Sache sich ihnen hingibt und diese jeden Tag wieder von neuem konsumieren können und dabei nebenher ein ruhiges Familienleben organisieren. Ich persönlich würde sogar soweit gehen, dass diese Bücher, genau wie die Tat über die sie berichten, reaktionär und antifeministisch sind. Redakteure, die in Feuilletons diese Bücher als neue Frauenbewegung abfeiern, haben von Feminismus und Gesellschaftskritik wenig verstanden und sind genauso im neoliberalen Mainstream verhaftet wie die Autorinnen selbst.

Auf verlorenem Posten

“Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen” sagte Rudi Dutschke 1967 im Interview mit dem Journalisten Günter Gaus.Der slowenische Philoshop Slavoj Zizek greift dies in seinem neuen Buch “Auf verlorenem Posten” auf, kritisiert die Polemik gegen die Manager und versucht zu erklären, dass die derzeitige Krise eine natürliches Produkt des Kapitalismus ist. Die Suche nach den Schuldigen wurde so einfach wie möglich gestaltet und dabei die gierigen Manager gefunden, dabei hätten diese, so Zizek nur die Spielregeln des Kapitalismus voll ausgereizt. Für alle, die jetzt mehr wissen wollen, denen kann ich nur den Beitrag der Sendung “Kulturzeit” oder das Buch selbst ans Herz legen1