Der neue Job von vielen meiner Kommilitoninnen, scheint die Prostitution zu sein. Jedenfalls kann man dies glauben, wenn man derzeit in einen Buchladen geht und sich die Bücher unter der Rubrik Belletristik anschaut. Dort stehen in letzter Zeit immer mehr Bücher in den Regalen, wo Studentinnen über ihren Job als “Teilzeithure” schreiben, der Bafög und Mamas Überweisungen alt auslassen soll, wie der Unispiegel in seiner neusten Ausgabe berichtete. Das Feuilleton jubelt diese Art von Literatur, wie schon der Ekelroman von Charlotte Roche als eine neue Art des Feminismus hoch, übersieht jedoch, dass diese Geschichten alles andere als feministisch oder emanzipatorisch sind noch das sie mit einem Tabu brechen. Aber beginnen wir am Anfang:
Angefangen in Frankreich
Der erste Roman dieser Rubrik erschien im Frühjahr 2008, wo eine französische Studentin in ihre autobiographischen Roman “Laura D. – Mein teures Studium: Studentin, 19 Jahre Nebenjob: Prostituierte” über Studentenarmut und die Verlockung des schnellen Geldes schrieb. In ihrem Roman schreibt sie, wie sie nach der Immatrikulation an einer Pariser Universität immer größere Geldprobleme bekommen hat und sich irgendwann auf eine Anzeige im Internet meldet, wo ein “junggebliebener Fünfzigjähriger" nach "gelegentlicher Masseuse, gerne Studentin" sucht. Sie schmeißt für den Stundenlohn von 250€ ihren Job in einem Call-Center und fängt an ihren Körper aber auch ihre Seele zu verkaufen. Laura D. schafft es in diesem Roman die gesellschaftspolitische Relevanz von Studentenarmut zu thematisieren und die Scheußlichkeit von Prostitution und deren Auswirkungen auf Körper und Seele zu beschreiben und eine Diskussion über rund 40 000 französische Studentinnen zu entfachen, die Frankreich als Prostituierte arbeiten
Kopien auf dem deutschen Markt
Was erfolgreich ist, dass kann auch kopiert werden, dachten sich die deutschen Verlage und werfen nun massenweise an “Studentin-und-Prostituierte”-Romane auf den Buchmarkt. Ob “Fucking Berlin” von Sonia Rossi oder “33 Männer in 33 Nächten” von Tina Schneider kopieren alle mehr oder weniger aber vor allem deutlich schlechter, dröger und unkritischer die Geschichte von “Laura D.”. Die Kritik an den Gesellschaftsverhältnissen, scheint beim Import nach Deutschland irgendwo verloren gegangen zu sein, genau wie Spannung und schriftstellerische Qualität. So schreibt die 20 jährige Sonia Rossi, dass ihr dieser Nebenjob “viel Spaß” gemacht habe und sie “so eine Arbeitsstelle […] nie wieder finden werde”. Gleichzeitig ist die Geschichte einfach nur langweilig, wirkt mehr oder weniger endlos zu sein und scheint eher Menschen anzusprechen, die einen zwei-zeiligen Satz nicht mehr verstehen würden.
Und was hat das mit Feminismus zu tun?
Das frage ich mich auch. Diese Bücher würden wahrscheinlich als billige Schmuddelpornos über die Ladentheke gehen, wenn sie nicht von Studentinnen geschrieben worden wären. Die Mischung aus Prostitution und Intelligenz, aus Studentin und Sex scheint das schmuddelige abzustreifen und etwas Verruchtes zu erzeugen. Die Vorlage von Charlotte Roche, die ihr Buch “Feuchtgebiete” selbst als feministisch promotete, schien für das nationale Feuilleton zu erfolgreich gewesen zu sein, als das man nun diesen Unimädchenreport ignorieren könnte. Jedoch sind diese Bücher alles andere als feministisch! Sie reproduzieren erfolgreich Geschlechterstereotypen und propagieren mehr oder weniger die Unterwerfung unter den Mann für ein paar Euro. Gerade die deutschen Romane sind nicht einmal gesellschaftskritisch, sondern könnten gut und gerne in die Rubrik “Sex Sells” eingeordnet werden. Prostitution ist meistens nicht freiwillig und gerade als Studentin müsste man so viel Stolz haben, sich nicht als Ware anbieten zu müssen. Diese Bücher unterstützen die geheimen Phantasien von pubertierenden Schuljungen oder die der alternden Männer, von einer Studentin, die sich freiwillig und mit Spaß an der Sache sich ihnen hingibt und diese jeden Tag wieder von neuem konsumieren können und dabei nebenher ein ruhiges Familienleben organisieren. Ich persönlich würde sogar soweit gehen, dass diese Bücher, genau wie die Tat über die sie berichten, reaktionär und antifeministisch sind. Redakteure, die in Feuilletons diese Bücher als neue Frauenbewegung abfeiern, haben von Feminismus und Gesellschaftskritik wenig verstanden und sind genauso im neoliberalen Mainstream verhaftet wie die Autorinnen selbst.