Ach Marburg…

Die Uni hat wieder angefangen in Marburg und die Stadt ist endlich wieder voller Menschen, die von einem Seminar ins andere hetzen, sich in der Mensa niederlassen oder vollgepackt mit Büchern die Universitätsbibliothek verlassen. Marburg ist also endlich kein hessisches Dorf mehr, sondern eine lebendige Studentenstadt, deren Herzschrittmacher in den Semesterferien außer Betrieb zu sein schien.

Auch ich bin wieder hier und sitze in der Universitätsbibliothek und schreibe ein paar Zeilen für meine Gramsci-Hausarbeit für die Friedens- und Konfliktforschung. Irgendwie habe ich Marburg doch vermisst. Auch wenn ich es mir nicht eingestehen möchte, so habe ich diese Stadt in meinem Erasmussemester vermisst. Diese Idylle, diesen studentischen aber doch familiären Charme, die mittelalterliche Prägung der Oberstadt und dieses Bier, das mir am Anfang meines Studiums so gut geschmeckt hat, wie Haferschleim. Ich mag diese Stadt noch immer nicht so wirklich leiden aber doch habe ich meinen Frieden mit ihr gemacht.

Diese Stadt ist halt einfach nun mal eine Stadt, in der man eine bestimmte Zeit in seinem Leben studiert und sich auch nur aus diesem Grund dort aufhält. Dann geht man wieder und man wird Marburg immer in seiner Erinnerung als die Stadt behalten, in der man wohl so frei wie nirgendwo anders gewesen ist. Denn wann wird man wohl nochmal morgens um 5 bei Günther im Bolschoi sitzen und schlechtes Kellerbier trinken, nach dem man durchgeschwitzt aus dem Trauma gestolpert ist? Wann wird nochmal Nächte lang im Havanna8 sitzen und über die Welt und das Leben philosophieren und das alles ohne wirkliche Konsequenzen durchstehen.

Marburg, dass ist keine Stadt zum alt werden, auch wenn die ganzen Touristen und neuerdings auch die ganzen hippen Städteplaner das denken. Diese Stadt lebt davon, dass sie ewig jung bleibt, dass trotz ihrer Lage in der hessischen Provinz, am Puls der Zeit bleibt, allein durch die vielen tausenden Studierenden aus aller Welt. Ohne die Studierenden ist Marburg halt ein kleines hessisches Dorf, wie man es in den Semesterferien beobachten kann.

Wissenschaftler gegen den Fiskalpakt

Die Zeitung analyse und kritik ( die ich übrigens sehr empfehlen kann) zitiert in ihrem Artikel “Bloccupy Frankfurt” Nelli Kamouri, einer griechischen Aktivistin gegen die Sparpläne der Europäischen Union mit den Worten: “Egal was wir tun oder sagen, die griechische Polizei nebelt uns ununterbrochen mit Chemikalien zu”. An dieser Situation hat sich seit einem Jahr, als dieses Zitat entstand, nicht viel verändert. Genauso wie die autoritäre Sparpolitik der EU und des IWFs. Griechenland wird kaputt gespart und jeglicher Widerstand wird mit Polizeiknüppeln unterdrückt.

Umso mehr ist internationale Solidarität mit dem Widerstand in Griechenland sowie eigene Aktionen gegen die irrsinnigen Sparpläne wichtig. Dies haben sich auch die Aktivist_innen gedacht, die nun am 31.März zu einem “europäischen Aktionstag” aufrufen, sowie am 17.-bis 19. Mai zu Blockade der Europäischen Zentralbank aufgerufen haben. Eingerahmt werden diese Widerstandsaktivitäten von einem Aufruf von mehr als 100 Wissenschaftler_Innen, die sich in der Assoziation kritischer Wissenschaftler_Innen zusammengefunden haben. Unter den Unterzeichner_Innen sind auch mehrere Marburger Professoren. Unter anderem haben die Politikwissenschaftler John Kannankulam, Franz Segbers sowie Frank Deppe den Aufruf “Demokratie statt Fiskalpakt” unterschrieben. Diesen Aufruf möchte ich hier dokumentieren:

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Ausgeburnt – Studieren im Neoliberalismus

Alles muss effizienter und schneller werden. Studieren, sich auf ein Thema einlassen oder vielleicht sogar zusätzliche Literatur lesen? Alles Schnee von gestern! Heute zählt es schnell oberflächliche Texte zu schreiben, für 4 Klausuren in drei Tagen zu büffeln um dann mit 21 Jahren als “Hochschulabsolventin” mit einem Bachelorabschluss dem Arbeitsmarkt zu Verfügung zu stehen. Studieren ist nach den Bologna-Reformen kein Studium eines Faches mehr, sonder mehr oder weniger eine Überblicksveranstaltung, wo man so viel wie möglich in kürzester Zeit in seinen Kopf knallen sollte, um es dann zu Klausur wieder zu vergessen.

Ein System was krank macht!

Nicht das wir das schon wüssten, denn immerhin hat doch eine Studie im letzten Jahr herausgefunden, dass die Unternehmen nicht viel von den Bachelorabschlüssen halten und Absolventen wie Fachhochschüler behandeln. Nein, dieses System macht durch seine ständige Vergleichbarkeit und dem Wissen, dass jede Note für den Abschluss gezählt wird, die Studierenden krank. Durch den ständigen und das ganze Semester anhaltenden Leistungsdruck und der ständig aufrecht erhaltenden Konkurrenzsituation um die weiterführenden Masterplätze sind immer mehr Studierende ausgebrannt und kaputt, obwohl das eigentliche Arbeitsleben noch nicht einmal angefangen hat.

Durch diesen Erfolgsdruck und die immer wiederkehrende Frustration über die eigenen Leistungen und der fehlenden Zeit, greifen aber immer mehr Studierende zu sogenannten Leistungsdrogen wie Ritalin oder Antidepressiver um nicht durch den Erwartungs-, Leistungs-, und Erfolgsdruck unterzugehen. Um Nächte durcharbeiten zu können und keine Müdigkeit zu spüren, werden reihenweise Koffeintabletten genommen. Auch Koffeinpulver, was derzeit verstärkt in Berlin in kleinen Tütchen verkauft wird, liegt bei Studierenden derzeit voll im Trend.

Hegemonie des neoliberalen Projekts

Wachmacher, Leistungsdrogen und Burnout – der Neoliberalismus scheint in den Universitäten nun endlich angekommen zu sein, nachdem sich diese hartnäckig gegen wehrten. In manchen Universitäten scheint es dabei deutlich schlimmer getroffen zu haben, als andere. Ich selbst kenne aus Marburg auch den Leistungsdruck, eine Hausarbeit nach der anderen zu schreiben und immer Topleistungen zu absolvieren. Jedoch hat mein Fachbereich versucht die Härte des Bachelor-/Mastersystems in der Form abzuschwächen, dass man nicht gleich von der Universität fliegt, wenn man Prüfungen nicht besteht. Auch die Einführung einer Reading-Week hat dazu geführt, dass gelernte zu reflektieren und ggf. vertiefen zu können. Ich weiß aber auch von Fachbereichen und Universitäten, in denen es ganz anders zu geht, in denen der Leistungsdruck enorm ist und der Konkurrenzkampf zwischen den Studierenden von Dozent_Innen und Professor_Innen noch zusätzlich angeheizt wird.

Nein, das kann und sollte nicht unser Ideal von Bildung und Leben sein. Ich sehe die Gefahr, dass wir Zombies ausbilden, die neben ihrer persönlichen Karriere kaum mehr etwas Menschliches an sich haben. Die anderen, die da nicht mithalten können, brechen unter dem Druck zusammen und landen als labile und gestörten Gestalten irgendwo an den Rand dieser Gesellschaft. Wir sollten achtsam sein.

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“ – Antonio Gramsci

Politisches Denken

Auch wenn ich ungern Werbung für Bücher mache, so möchte ich euch doch die Reihe “Politisches Denken” von dem Marburger Politikwissenschaftler und Genossen Frank

Das neue Buch von Frank Deppe

Deppe ans Herz legen. Auf insgesamt mehr als 2100 Seiten skizziert Frank Deppe die Entwicklung des politischen Denkens. In insgesamt 5 Büchern und 4 Bänden zeigt er verschiedene Theorien und politische Denkrichtungen auf und geht von Max Weber über Antonio Gramsci und Che Guevarra bis Antonio Negri, Slavoj Zizek und Niclas Luhmann. Die Reihe des “Politischen Denkens”, dessen letzter Band “Politisches Denken im Übergang ins 21.Jahrhundert” jetzt im Dezember 2010 erschien, gehört in jedes Bücherregal eines Politikwissenschaftlers und kann vom Lexikon bis zur Gute Nacht Lektüre benutzt werden.

Die Utopie der Utopie mit Habermas

Heute Morgen um 8.30 Uhr hatte ich ein Seminar zur “politischen Theorie und Ideengeschichte”. Thema der heutigen Sitzung war Jürgen Habermas und seine Demokratietheorie. Das “Deliberatives Model” beinhaltet, ganz kurz gefasst, die Forderung, dass alle Menschen an der politischen Willensbildung teilhaben müssen. Die Bevölkerung (und Habermas geht hier auch von der Weltgemeinschaft aus) müsse sich in politischen und gesellschaftlichen Fragen auf einen Konsens (ja und nicht Kompromiss) einigen, bevor sie anfangen zu handeln. Ich finde die ganze Theorie ist an sich dem Contract Social von Rousseau sehr angelehnt, wo es jedoch keine wirkliche Konsensfindung gibt sondern vor allem eine Leitidee.

Nun gab es nach dem Referat eine Diskussion, die sich vor allem darum drehte, in wie fern, diese Theorie umsetzbar ist. Der ganze Kurs außer mir (und das sind alles Lehrämter) sprach Habermas jegliche Ernsthaftigkeit ab. Natürlich ist es unmöglich, allein in Deutschland 80 Millionen Menschen an einen Tisch zu bringen und vor allem auf eine Linie. Die Idee, die dann von meinem Referatsleiter eingebracht wurde, dass man die Leute ja delegieren könnte und meinen Zusatz, dass dies ja mit dem imperativen Mandat und einer Rätehirachie gehen könnte, wurden zurückgewiesen. Die Argumente gegen ihn fingen bei dem Vorwurf an, dass die Theorie von Habermas nicht Effektiv und sogar teilweise Illegitim sei und endeten darin, dass diese nicht umsetzbar und eine Utopie ist.

Und genau das ist es, was mich in Blick auf die Zukunft, vor allem der Schulzeit meiner Kinder, graut. Wenn Lehrer_Innen keinen Glauben in Utopien und politische Ideen mehr haben, wie sollen sie dann unsere, vor 200 Jahrhunderten total utopische, Demokratie verteidigen? Ich verzweifele an Menschen, die für keine Ideale und für keine Utopien mehr stehen. Ich verabscheue Menschen, die keinen Traum träumen, von einer freieren, besseren und gerechteren Welt. Oscar Wild sagte einmal


"Fortschritt ist nur die Verwirklichung von Utopien.”

Utopien bedeuten Zukunft, Wohlstand und Glück. Sie schaffen neue Maschinen, neue Ansichten und vor allem ein neues Denken. Als ich das letzte Mal mit einer französischen Freundin gechattet habe, da haben wir auch gesagt: “Wer hätte das im Jahr 1925 gedacht?”. War es nicht auch eine Utopie, dass die Länder Frankreich und Deutschland sich nicht mehr bekriegen sondern friedlich und freundschaftlich nebeneinander existieren? Und jedem dem man zur selben Zeit erklärt hätte, was chatten, was Computer ist oder wie die heutige Kommunikation aussieht, hätte es zu Utopie erklärt!

Utopien sind wichtig und kostbar. Utopien bringen uns voran und sie machen aus uns moderne Menschen. Wer an keine Utopien mehr glaubt, der glaubt auch nicht mehr an den Fortschritt und an sich selbst. Er hat aufgegeben für etwas zu kämpfen, an etwas zu glauben. Er sieht sich am Ende der Geschichte angekommen, was sehr gefährlich ist. Es gibt kein Ende der Geschichte!

#unibrennt

Der Bildungsstreik greift nach Deutschland über. Nachdem die Uni Wien sowie andere Unis in Österreich seit 3 Wochen in der Hand der Studierenden sind werden nun auch in Deutschland Universitäten besetzt. Den Anfang hat Heidelberg gestern Abend nach einer Vollversammlung gemacht. Heute sind weitere Unis, unter anderem Münster und Potsdam dazugekommen.

Der Aufruf unter dem Motto “Der Herbst wird heiß” scheint sich zu bewahrheiten und somit scheint ein “Bildungsstreik Reloaded” in sehr naher Zukunft wohl vorprogrammiert! Im Rahmen der “Global Week of Action”, die vom 9.- bis 18. November ansteht, wird wahrscheinlich mehr als nur die normalen Demos durchgeführt werden. Die Unibesetzungen scheinen erst der Anfang für eine weltweite Studierendenbewegung zu sein.

Wenn man sich die Ergebnisse des letzten Bildungsstreik anschaut, so scheint auch nicht wirklich viel erreicht worden zu sein. Bei uns in Marburg wurden “Anwesenheitslisten” abgeschafft aber eine wirkliche Intervention in den Bolognaprozess ist misslungen. Immer noch ist der Bachelor viel zu verschult und auf “Ausbildung” statt auf “Bildung” fixiert. Immernoch gibt es Zugangsbeschränkungen für Masterstudiengänge und immernoch sind die Universitäten chronisch unterfinanziert.

Deswegen ist es auch nicht verwunderlich das der Bildungsstreik in eine neue Runde geht und nun zu radikaleren Mitteln wie Besetzungen zurückgreift. “Education is not for Sale” steht auf ihren Flyern und wie es aussieht werden die Studierenden ihren Elfenbeinturm gegen die Privatwirtschaft und gegen Angriffen aus dem Bildungsministerium verteidigen!

Die Frage nach den ganzen Besetzungen heute ist nur, wo bleiben die beiden Hauptakteure des letzten Bildungsstreiks? Weder in Berlin noch in Marburg hat sich gestern bzw. heute etwas getan und so wirklich etwas geplant scheint auch nicht zu sein. Beide Akteure mobilisieren zwar für die “Global Week of Action” doch eine wirkliche Aktion scheint nicht geplant. Falls es von Marburg etwas Aktuelles gibt, werde ich darüber schreiben!

Auf Fuchsjagt°

Heute nach meiner Einführungsveranstaltung ging ich aus der Mensa hinaus und wollte über die Lahnbrücke zum Hörsaalgebäude gehen, da bekam ich von einem normalen jungen Studenten einen Flyer in die Hand gedrückt. Vorne war groß eine Frau ohne Kopf im Dirndl abgebildet, die gerade ein Bier in der rechten Hand hielt. Auf der rechten Seite stand dann groß “Ersti-Freibier Party”. Cool dachte ich, das hört sich doch echt gut an. “Freibier für alle Erstis” rief mir der junge Mann noch hinterher und ich dachte, irgendwas stimmt doch hier nicht. Freibier für Erstis, das ist doch eher selten in diesen kapitalistischen Zeiten. Also drehte ich den Flyer um und wer stand dort als Veranstalter? Richtig! Es war eine Burschenschaft und zwar die “Katholische Deutsche Studentenverbindung Palatia Marburg”

Dies war nicht das erste Mal, dass ich auf Burschenschaften hier in Marburg gestoßen bin. Hier wimmelt es überall davon und fast nirgends bist du vor ihnen sicher. Sie locken mit, für Studenten attraktive Angebote wie ein Zimmer für 120€ oder eben diesen Freibier-Partys.  Was viele jedoch nicht wissen ist, dass diese Burschenschaften meist erzkonservative bis extrem rechte Ideologien vertreten. So laden diese regelmäßig Referenten ein, die aus einem extrem rechten Spektrum kommen, wie etwa Horst Mahler, Hajo Hermann oder Udo Voigt. Desweiteren haben diese “Verbindungen” meist ein sehr krauses und revisionistisches Weltbild. So wird oft behauptet, dass die Verbindungen sich 1936 auflösen mussten, weil sie vom “NS-Regime aus ideologischen Gründen  verfolgt wurden”. Das diese Verbindungen jedoch den Nationalsozialismus schon vor 1933 unterstützen und  sich teilweise freiwillig auflösten, wird meistens verschwiegen.

Auch noch auffällig für solche “Verbindungen” ist, dass sie ein festes Geschlechterbild haben d.h. das Frauen als “nettes Beiwerk” betrachtet, jedoch nie auf Augenhöhe behandelt werden. Deshalb dürfen Frauen auch nicht Mitglied in einer Burschenschaft werden!

Also den Flyer lieber wegwerfen und für das Bier 2 Euro bezahlen anstatt mit extrem rechten Spinnern über ein revisionistisches Geschichts- und kontrarevolutionäres Weltbild zu debattieren.  

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°= Warum Fuchsjagt? Da Studentenverbindungen durch eine starke Hierarchie geprägt sind bekommt man, sollte man in eine solche Burschenschaft eintreten, zu erst den Status des “Fuxes”. Dies ist die unterste Stufe im Machtgefüge einer solchen Verbindung. Um ein “richtiger Bursche” zu werden muss man etlichen Trinkgelagen, Fechtunieren und Demütigen aller Art bestehen. Wenn man das Studium abgeschlossen hat, wird man ein “alter Herr” und entscheidet über die Belange der Kooperation.