Diekmann fliegt Turkish Airlines

Wer hat eigentlich dieses Wulff-Thema ausgekramt und warum ist es eigentlich immer noch auf der Titelseite von Spiegel Online? Ja ok, dieser Typ ist korrupt und inkompetent, aber ganz ehrlich liebe Freunde, wussten wir das nicht schon vorher? Immerhin ist Wulff in der CDU und war für diese auch niedersächsischer Ministerpräsident. Man wird nicht ein Heiliger, nur weil man auf einmal die Würden eines Bundespräsidenten übertragen bekommt. Den gleichen Fehler hat die bundesdeutsche Öffentlichkeit schon bei Wulffs Vorgänger Horst “Hotte” Köhler gemacht. Wie groß war die öffentliche Empörung darüber, dass Köhler genau das ausgesprochen hat, was er als IWF-Chef in den 2000er Jahren praktiziert hat und wofür Argentinien heute noch büßen muss. Wenn man jetzt über die politische Eignung von Christian Wulff diskutiert, dann sollte man erstmal anfangen überhaupt über die politische Kompetenzen der letzten Bundespräsidenten reden. Denn auch der Vorvorgänger von Christian Wulff, der von allen geschätzte Johannes Rau, war kein unbeschriebenes Blatt. Dieser hatte sogar mehr Dreck am Stecken als es Wulff derzeit angelastet wird. Schwarze Kassen und Flugaffären sind bei diesem nämlich bisher noch nicht bekannt.

Dies soll nicht heißen, dass ich Christian Wulff mag, aber es soll verdeutlichen, dass Bundespräsidenten wegen krasseren Sachen im Amt geblieben sind oder ins Amt gekommen sind. Hier geht es nämlich um was ganz anderes, nämlich darum, dass sich ein Chefredakteur auf den Schlips getreten fühlt. Wie kann es Christian Wulff wagen, dem mächtigsten Mann im Boulevard anzurufen und diesem zu drohen? Jetzt wird er dafür bezahlen müssen. Mit seinem Amt.

Bild lässt die Muskeln spielen und schaut wie weit sie gehen kann. Gleichzeitig erkennt man sehr gut, wie sehr die politische Stimmung beeinflusst wird und wie die gesamte politische Öffentlichkeit, von SPIEGEL bis taz, diesen Kurs mitfährt. Jetzt wird eingeschlagen auf die politische Figur Wulff und jeder Befreiungsversuch von diesem wird abgewehrt. Selbst seinen symbolischen Gang nach Canossa, seinem Interview auf ARD und ZDF, kommentiert SPIEGEL ONLINE mit “Er hat die Chance nicht genutzt” und Kai Diekmann schreibt in einer Kolumne, dass am Ende die Bürger über ihn entscheiden. Er wird fallen gelassen, weil er die Regeln des Spiels nicht mehr akzeptieren wollte?

Ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich diesen Privatkredit für eine Lappalie halte und es gut finde, das Ministerpräsidenten mit den Reichen und Mächtigen dieses Landes Partys feiern und Urlaube machen. Das widerspricht meinem Verständnis von Demokratie und politischem Umgang. Gleichzeitig empfinde ich gegenüber dieser medialen Kampagne auch keine Sympathie, denn sie ist unfair und überdeckt die wirklich wichtigen Themen, um die es derzeit eigentlich gehen müsste. Zum Beispiel über die Nazibande aus Zwickau, über die gescheiterte UNO-Umweltkonferenz, über die Krise und selbst die drei schwerverletzten Bobfahrer wären noch ein besseres Thema.

Seien wir ganz ehrlich, wer in Deutschland Bundespräsident wird, muss irgendwas gemacht haben, über irgendwelche Leichen gestiegen sein oder irgendwelche armen Länder mit Reformen zum Exodus gedrängt haben. Nein, ich wehre mich gegen eine moralische Diskussion und gegen eine Hetzkampagne, wie sie jetzt gegen Wulff läuft. Wulff ist unhaltbar und nicht als Bundespräsident geeignet. Aber das hätte ich euch auch schon vor 1 1/2 Jahren sagen können.

Drecksjournalismus

Da hat der SPIEGEL diesen Montag aber eine Story gehabt. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende und derzeitige Parteivorsitzende der Partei die LINKE, Oskar Lafontaine hat eine Affäre mit der Vorsitzende der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht. Der Grund für seinen Rückzug aus dem Fraktionsvorstand soll ein persönlicher Grund gewesen sein. Lafontaine wäre wohl einen “Kuhhandel” eingegangen, damit Wagenknecht einen sicheren Listenplatz bekommt. Er dafür würde sich aus den Spitzenpositionen der Partei zurückziehen und im Saarland den Oppositionsführer mimen. Dies alles sei auch auf betreiben seiner Frau Christa Müller zurückzuführen, die die Affäre zwischen “der Kommunistin” und ihrem Mann ein Ende setzten wollte.

Angefangen mit diesen Gerüchten hat das “Fachblatt für politische Partnerschaften”, die Bunte. Sie schrieb in ihrer Ausgabe 45 vom 29.Oktober 2009: “Scharfe Berliner Kommunistinnen müssen ohne ihn auskommen”. Dies nahm die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 1.November in ihrer Satirerubrik “Herzblatt-Geschichten” unter dem Titel “Lafo und die Kommunistin” auf und macht sich dort ein wenig über die Bunte lustig. “Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht! Hammer, oder?” schrieb sie mehr oder weniger satirisch. Das die SPIEGEL-Mitarbeiter wahrscheinlich Satire und Ernst nicht auseinander halten können, zeigt sich, dass sie in ihrem Blut- und Spermaartikel in der aktuellen Ausgabe, sich auf die FAZ als Quelle beziehen, um ihre niveaulose Hetze gegen Lafontaine auch noch belegen zu können.

In wie fern diese Geschichte von “Genossen” aus der eigenen Partei lanciert wurde, um Lafontaine und Wagenknecht zu schaden, darüber kann man wohl nur spekulieren. Sarah Wagenkecht, die den Reformern (“Forum Demokratischer Sozialismus”) innerhalb der Partei schon lange ein Dorn im Auge ist, war in den letzten Jahren immer wieder Ziel von parteiinternen Angriffen. Und auch Lafontaine ist innerhalb der Partei, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, aufgrund seiner kritischen Haltung zu Rot-Roten Bündnissen umstritten. Das viele Spekulationen, auf die sich der SPIEGEL bezieht, vom Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch kamen, macht die ganze Sache auch nur wenig transparenter. Gerade weil er unmittelbar nach dem bekannt werden der Krebserkrankung Lafontaines in der Ostseezeitung weiter zu Spekulationen einlädt. Dort schloss er nämlich aus, dass Lafontaines Rücktritt etwas mit seiner Erkrankung zutun hat.

Dieser Artikel im SPIEGEL zeigt einmal mehr, dass die bürgerliche Presse, den Kopf der Partei DIE LINKE, Oskar Lafontaine nicht nur politisch, sondern auch psychisch fertigzumachen versucht. Es geht aber wahrscheinlich um mehr, wenn sich ein “Leitmedium” wie der SPIEGEL, dass sich selbst die Auszeichnung “Qualitätsjournalismus” verleiht, auf ein solches Niveau, was man sonst nur vom “Blut-, Schweiß-, und Spermamagazin BILD kennt, herunterzulassen. Es geht viel mehr um die Marginalisierung der gesamtdeutschen Linken, die von vielen noch als der "Angstgegner”, gerade in Krisenzeiten, gesehen wird!