Letztens habe ich mit einem Freund darüber diskutiert, wie man eine bessere Welt schaffen bzw. erreichen kann und wie diese “bessere Welt” dann aussehen soll. Mein Freund war ziemlich davon überzeugt, dass Konkurrenz der Schlüssel zu Wohlstand und Freiheit ist und dass nur ein verbesserter Wettbewerb mit mehr Konkurrenz uns aus der Krise holen wird. Ohne Konkurrenz keine neuen Erfindungen, sogenannten Basisinnovationen und ohne Basisinnovationen keine Wachstum und ohne Wachstum, kein Wohlstand.
Und als er so über Wachstum und Konkurrenz redete fiel mir das Buch von Julia Friedrich, “Gestatten Elite!” ein. Ich stellte mir vor, wie ich irgendwann mein Kind, mit 2 Jahren in einen Elitekindergarten schicke, wo es lernt Englisch zu sprechen und über Platon zu philosophieren. Danach würde ich es in eine Privatschule stecken, damit es nicht nur sein Turboabitur in 12 Jahren schafft sondern nebenbei auch noch Altgriechisch beherrscht. Zu guter Letzt würde ich ihm/ihr dann noch einen Platz auf einer internationalen Privatuniversität bezahlen. In allen Stationen seiner Ausbildung würde ich ihm/ihr immer wieder einbläuen, dass er/sie besser sein muss als die anderen, dass er sich durchbeißen muss und dass er kämpfen muss in seinem Leben. Ich würde ihm sagen, dass die anderen keine “Freunde” seien, sondern Konkurrenten und das er deshalb nicht mit ihnen zusammenarbeiten soll.
Aber würde er/sie dann wirklich für das Leben vorbereitet sein? Wäre er dann glücklich? Oder würde diese, ja Tortur nicht aus meinem Kind einen eingebildeten gefühlslosen Zombie machen, der unfähig wäre, das Wort “Solidarität” auch nur zu buchstabieren? Ich fragte mich, worauf denn unsere Existenzberechtigung beruht? Beruht sie denn wirklich darauf, dass wir jeden Tag loshetzten, uns fertig machen, krank werden, unsere Umwelt zerstören und am Ende uns mit “Konsum” dafür belohnen? Oder liegt sie nicht vielmehr in unserer Hoffnung glücklich zu werden? Liegt sie nicht darin, dass wir versuchen ein klein wenig diese Welt besser zu verstehen, uns zu lieben und uns als Menschen verstehen?
Was hat es denn geschafft, dieses “beste aller Systeme”? Wenn ich mir die Welt anschaue, dann kann ich nur Elend und Zerstörung erkennen, Leid und Unglück. Während in den Industriestaaten, den Gewinnern im internationalen Konkurrenzdenken, die Menschen an Überfettung leiden, sterben in den Entwicklungsländern, den Verlierern, alle 6 Sekunden Menschen an extremer Armut. Gleichzeitig hat der ständige Zwang zu Wachstum dazu geführt, dass die Welt kurz vor dem Exitus steht. Die Klimaerwärmung schreitet unaufhörlich voran und die weltweite Umweltverschmutzung führt dazu, dass ca. 130 Tier und Pflanzenarten pro Tag aussterben. Im selben Moment führt der permanente Konkurrenzdruck innerhalb der Gesellschaft dazu, dass immer mehr Menschen psychisch krank werden, dass sie verrohen oder sich isolieren. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander und trennt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer.
Ist es nicht das, was dieses System hervorbringt? Es mag sein, dass wir ohne das Konkurrenzdenken wesentlich langsamer in mancher Entwicklungsform währen, auch wenn ich das bezweifel. Jedoch hätten wir das ein oder andere Unglück, egal wie groß oder klein es war, ob es die Gesellschaft oder das einzelne Individuum betroffen hat, verhindern können. Ich denke, dass es langsam an der Zeit ist umzudenken. Gerade mit Blick auf die derzeitige Bio- und Finanzkrise sollten wir uns vom Konkurrenz- und Wachstumsdenken verabschieden und zu anderen Formen der Produktion übergehen. Beim derzeitigen Produktionstand ist Wohlstand für alle genauso machbar wie die Ernährung der gesamten Welt.
(Inspiriert durch das Gedicht von Moritz)
Schön auf den Punkt gebracht, auch wenn ich bei der Systemkritik bekanntermaßen etwas anders denke: es geht nicht um das System. Die meisten Systeme können theoretisch für alle gut funktionieren, und der Kapitalismus zählt da sicherlich dazu. Nein, es geht um die Menschen, die ein System anführen und um die, die sich ihnen unterwerfen. Die Idee des Kapitalismus würde ich nie verurteilen, ich verurteile nur diesen Kapitalismus, der in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen wurde.
Dieses Konkurrenzdenken ist auch eine Sache, mit der ich nicht wirklich klarkomme. Klar, manchmal freut es mich, wenn ich irgendwo besser bin als ein anderer, aber das macht doch nicht mein Leben aus. Und wenn ich mir vorstelle, mein Leben auf diese Art zu leben und immer der Beste, Schnellste, Schlauste, Gebildetste (quasi ein FDPler^^) sein zu wollen, dann enden solche Gedanken immer mit einer Kugel in meinem K0pf
Sehr wahre Zeilen – quasi den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Mär vom ewigen Wachstum und vom absolut notwendigen Wettbewerb führen sich mittlerweile selber ad absurdum. Wer mit einem Auto ohne Bremsen,nur mit einem Gaspedal ausgestattet auf eine Wand zu fährt hat eben keine gute Zukunftsprognose !
Das Problem isr nur, dass der Kapitalismus nie fair sein wird. Es gibt keinen “guten” oder “schlechten” Kapitalismus, weil es immer Gewinner und Verlierer gibt. Solange die Menschen von diesem System vergiftet werden ändert sich gar nichts. Mir ist klar, dass man nicht von heute auf morgen umschalten kann aber wir sollten doch mal sehen, was eigentlich passiert. Admin hat da schon recht, was die hungernden Menschen angeht…und solange wenige davon profitieren, dass viele Leiden, wird der Kapitalismus immer der Kapitalismus bleiben, den wir kennen…
@Moritz: Also sorry, ich glaube da hast du das System “Kapitalismus” nicht richtig verstanden. Der Kapitalismus muss wachsen, also eine Kapitalakumulation haben. Er setzt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen vorraus und erzeugt von sich aus Krisen. Das alle macht ein freier Kapitalismus genauso wie eine soziale Marktwirtschaft
@Koslowski: vielen Dank für das Lob. Ich glaube die Metapher mit dem Auto ist sehr gelungen
Grundsätzlich stimme ich dir zu. Der französische Ethnologe Lévi-Strauss (nicht zu verwechseln mit dem Typen mit den Blue Jeans) hat nach Studium von Naturvölkern die These vertreten, dass wir die Barbaren sind und nicht sie. Da wir radikal über unsere Verhältnisse leben, den zivilisatorischen Fortschritt nachhaltig zu wirtschaften einfach nicht schaffen und uns langfristig selber die Lebensgrundlage entziehen.
Nun liegt es aber doch in der unserer Natur, durch Erfindungen und Innovation unser Leben zu “erleichtern” (bewusst in Gänsefüßchen), sei es urch Pflug, Dampfmaschine oder iPhone, und damit unsere Ressourcen übernutzen. Auch wenn das jetzt etwas platt klingen mag: Natürlich kann jeder für sich andere Konsum- und Lebensentscheidungen treffen, aber grundsätzlich wird sich an der beschriebenen Wesensart nicht viel ändern. Auch in sozialistischen Systemen streben Menschen nach ein bisschen Luxus, Wohlstand und Macht und legen damit die Grundlage für Ausbeutung. Kapitalismuskritik ist notwendig, jedoch lässt sich damit die Welt nicht retten. Im Zweifel würde ich schweren Hernzens eher auf technologischen Fortschritt setzen.
@Ikarus: Also da muss ich dir wehement widersprechen:
Also 1.) welche sozialistischen Gesellschaften?
2.) technische Erfindungen sollten uns die Arbeit erleichtern. Da hast du Recht. Aber arbeiten wir wirklich weniger als noch vor 40 Jahren? Nein! Eben! Genau da siehst du, dass die “Technische Revolution” uns eben nicht das Leben erleichtert sondern den Arbeitgebern die Gewinnspanne erhöht hat. Dabei haben wir keine Rücksicht auf die Natur usw. gelegt. Ich werde dazu mal was schreiben aber ich hab grad so gar keine Zeit. Daher ist meine Antwort auch jetzt leider ein wenig kurz. Sobald ich Zeit habe (nächste Woche) schreibe ich mal mehr dazu.
Schade, ich dachte, wir könnten uns zumindest einmal annähernd einig werden, aber schon wieder wird vehement widersprochen. Naja, zu den sozialistischen Gesellschaften: das ist ein dünnes Eis und ein Nebenkriegsschauplatz, der hier niemanden weiterbringt. Mir würden spontan Kuba, früher China, der ehemalige Ostblock und vielleicht Vietnam einfallen, aber darum geht’s hier -auch in meinem letzten Kommentar- ja nicht.
Die “Gänsefüßchen” waren wie gesagt bewusst gesetzt. Natürlich sehe ich die Situation, dass wir dem technologischen Fortschritt wie der Hund seinem Schwanz nachjagen, aber:
Die technischen Innovationen haben sich durchgesetzt, weil sie das Leben konkret vereinfacht oder bequemer gemacht haben. Natürlich hören wir deswegen nicht auf zu arbeiten, dazu sehen zu viele Menschen in der Arbeit einen wichtigen Sinn ihres Lebens. Es gibt Menschen, die der FightClub Ideologie anhängen, aber wenn wir uns doch mal im Spiegel anschauen, sind wir ganz glücklich, dass wir eine Heizung, fließend Wasser und Elektrizität haben. Wer anderer Meinung ist und gleichzeitig (!) einen Computer benutzt ist bestenfalls nicht der Selbstreflexion fähig. Auch wenn man heutzutage ganz gut ohne Auto leben kann, wird jawohl niemand auf die Vorzüge von Motoren, Fahrrädern oder Wanderstiefeln verzichten wollen.
Von diesem Bequemlichkeitslevel kommen wir frühestens runter, wenn wir von der Natur dazu gezwungen werden und damit das nicht passiert, können uns technische Innovationen, z.B. in Form von der Nutzung erneuerbarer Energien, und im begrenzten Maße (ich probiere ja kompromissfähig zu sein) ein Umdenken in der Gesellschaft helfen.